Buchhalter müssen Spagat schaffen
Tritt auf die Kostenbremse

Vor dem Grand Prix von Malaysia ist in der Formel 1 die Spardiskussion neu entflammt. Der Rennsportzirkus kann bei seiner Budgetplanung die gesamtwirtschaftliche Situation nicht länger außer Acht lassen. Doch wenn es ums Sparen geht, spielen die großen Teams auf Zeit.

KUALA LUMPUR. Wer in der Formel 1 Kosten sparen will, hält am besten Rubens Barrichello künftig von der Pole Position fern, unken Rennfahrerkreise mit Blick auf den spektakulären Crash vor zwei Wochen in Melbourne, an dem der Brasilianer nicht ganz unschuldig war. Doch nicht allen ist vor dem Großen Preis von Malaysia am Sonntag zum Spotten zu Mute. Die Formel 1 - allein die Teams setzen geschätzte drei Milliarden Euro um - muss sparen. Ob sie will oder nicht.

Max Mosley, Präsident des Automobilweltverbandes FIA, hat die Vertreter der Rennställe, Motoren- und Reifenhersteller, Veranstalter und Sponsoren für kommenden Dienstag zu einer Reformsitzung nach Paris einbestellt. Der angestrebte Sparkurs könnte für alle Beteiligten im Rennzirkus drastische Einschränkungen und dramatische Veränderungen mit sich bringen, die Zuschauer eingeschlossen. Eilig haben sich die Teamchefs gestern Morgen im Flughafenhotel von Kuala Lumpur zur ersten von drei Besprechungen getroffen, um eine gemeinsame Ideallinie zu suchen. Angesichts der völlig unterschiedlichen Interessen von Branchengrößen und-zwergen ein schwieriges Unterfangen, doch McLaren-Teamchef Ron Dennis zeigte sich optimistisch: "Unter den Rennställen herrscht ein guter Geist, denn es gibt keinen, der nicht die Kosen reduzieren will."

Um in Paris Änderungen herbeizuführen, bedarf es einer Mehrheit von mindestens 18 der 26 Stimmen. BAR-Teamchef Dave Richards fürchtet auf Dauer einen Imageschaden, falls die Formel 1 bei ihrer Budgetplanung die gesamtwirtschaftliche Situation zu sehr außer Acht lässt: "Einen Motor wegzuwerfen, der nur 50 Kilometer gelaufen ist, das kann nicht der richtige Weg für uns sein", glaubt der Newcomer, dessen Unternehmen "Prodrive" vom Motorenbau lebt.

Zu Mosleys Änderungskatalog zählen folgende Vorschläge: Pro Rennwagen und Rennwochenende ist nur noch ein Motor zugelassen. Muss ein Team ein Ersatztriebwerk einsetzen, gibt es dafür Zeitstrafen. Die Haltbarkeit der Zehnzylindermotoren könnte auf bis zu 1 000 Kilometer ausgedehnt werden; das würde den Einsatz eines Aggregats bei zwei Rennen ermöglichen. Bisher werden oft drei Motoren pro Rennwochenende verschlissen. Das Freie Training am Freitag soll nach Mosleys Vorstellungen entfallen, was den Teams einen Einsatztag spart, die Veranstalter allerdings einen Einnahmetag und die Sponsoren einen Werbetag kostet. Die Testfahrten - teuerster Faktor der Formel-1-Rechnung - will die FIA stark reglementieren; der Freitag vor dem Rennwochenende könnte zum allgemeinen Testtag erklärt werden. Auch über eine Reduzierung des Rennkalenders auf die ursprünglich festgeschriebenen 16 Grand-Prix-Veranstaltungen wird diskutiert. Eine Streichung würde aber auf Kosten der Europa-Rennen gehen, da künftig mehr WM-Läufe in den für die Sponsoren interessanten Regionen im Nahen und Fernen Osten stattfinden sollen.

Reformideen dieser Art gibt es schon lange, doch die 880-PS-Branche, die ihre Faszination auch aus den im Umlauf befindlichen Rekordsummen bezieht, spielt auf Zeit. Teamchef Frank Williams: "Einige Ideen sind okay, andere erfordern eine weitere Diskussion oder müssen komplett geändert werden. Aber wir alle müssen sparen." Mercedes-Sportchef Norbert Haug: "Wir haben grundsätzlich nichts gegen Veränderungen. Aber alles, was beabsichtigt ist, muss sehr sorgfältig mit allen Beteiligten diskutiert werden. Es macht keinen Sinn, sich unter Zeitdruck zu setzen." Mercedes lehnt vor allem den ebenfalls ins Spiel gebrachten Vorschlag ab, dass jede Motorenfirma künftig zwei Teams ausrüsten soll.

Auch BMW-Technikdirektor Mario Theissen will Vernunft vor Sparwahn walten zu lassen: "Für die Saison 2003 ist das ganze Sparpaket meiner Ansicht nach noch nicht möglich. Wenn die Motoren die doppelte Strecke halten, dann würde das etwa ein Drittel der bisherigen Kosten einsparen. Zu bedenken ist allerdings, dass die letzten Kilometer im Leben dieser Motoren dann auch die sind, die ein Rennen entscheiden können." Mögliche Unzuverlässigkeiten könnten so schnell den ganzen sportlichen Wert verfälschen.

Der Australier Paul Stoddart, der sich mit dem ersten Minardi-Erfolg im Rücken als eine Art Sprachrohr der Kleinen sieht, hält es natürlich für spannend, "wenn Michael Schumacher nach einem Motorschaden vom 16. Platz ins Rennen gehen und sich dann nach vorne kämpfen muss."

Die kleinen Rennställe sollten sich keine Hoffnungen machen, mit wenig Aufwand die Spitzenteams herausfordern zu können, warnt dagegen McLaren-Boss Ron Dennis. In der Formel 1 habe schon immer ein massiver Wettbewerb samt einem enormen Druck auf technischer und finanzieller Seite geherrscht. "Wer die Hitze nicht aushält, hat in der Küche nichts zu suchen", betont Dennis.

Das Rennen der Buchhalter hat begonnen, sie müssen dabei einen Spagat schaffen: Kräftig auf die Kostenbremse steigen - und dennoch gleichzeitig mächtig Gas geben.

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