Buchwert als Signal für mögliche Trendwende an den Börsen
Einige Dax-Firmen kosten nicht einmal ihre Substanz

Nach der Talfahrt am Aktienmarkt notieren einige Unternehmen im Deutschen Aktienindex (Dax) unterhalb oder in der Nähe ihres Buchwerts. Würden diese Gesellschaften jetzt liquidiert, erhielte der Anleger mehr, als seine Aktien an der Börse wert sind. Analysten sehen bei solchen Titeln günstige Einstiegschancen.

DÜSSELDORF. Der massive Kursrutsch an den Aktienbörsen hat ein Phänomen in den Blickpunkt gerückt, das die Anleger bislang fast nur vom schwer angeschlagenen Neuen Markt kennen. Doch nach den Terrorangriffen auf die USA sind einige Schwergewichte im Dax - wie Thyssen-Krupp, Daimler-Chrysler, Lufthansa und Commerzbank - so tief gefallen, dass sie weniger wert sind, als das in der Bilanz aufgeführte Vermögen. "Jetzt geht die Buchwert-Diskussion los. Das ist typisch für Ausverkaufsbewegungen an der Börse", meint André Will-Laudien vom Bankhaus Reuschel.

Der Buchwert stellt die Substanz einer Gesellschaft dar. Notiert ein Wert unter dieser Marke, bekäme der Aktionär im Fall einer Unternehmensauflösung mehr ausbezahlt, als wenn er die Papiere an der Börse verkaufen würde. Für die Anleger kann der Buchwert je Aktie eine wichtige Rolle bei der Einschätzung eines Titels spielen. Weniger als diese Kennzahl sollte eine Aktie nicht wert sein, auch wenn das Unternehmen kurzfristig operative Verluste macht. "Man kann relativ sicher sein, einen Standardwert günstig zu kaufen, wenn er in der Nähe seines Buchwerts notiert", erläutert Will-Laudien. Privatinvestoren haben also jetzt die Chance, gezielt nach solchen Unternehmen zu suchen, um ihr Depot zu bestücken.

Buchwert als nützliche Kennzahl beim Aktienkauf

Auch Übernahme-Interessenten behalten gerade in solch turbulenten Zeiten die Substanzwerte ihrer potenziellen Zielunternehmen genau im Blick. Der Grund ist klar: Fällt der Kurs einer Aktie unter ihren Buchwert, haben Käufer die Chance, ein Schnäppchen zu machen und günstig an eine unterbewertete Gesellschaft zu kommen. Bringt die Krise also Fusionsphantasie in die Märkte? "Natürlich ist die Zeit für Übernahmen sehr günstig", bestätigt Will-Laudien. "Dafür müsste der Übernahmeinteressent aber jemanden finden, der ihm ganze Aktien-Pakete verkauft." Die Wahrscheinlichkeit sei aber sehr gering, dass sich Großaktionäre von ihren Anteilen trennen, so lange sie unterhalb des Buchwerts notieren.

Außerdem hält dieser Ausnahmezustand meist nicht sehr lange an. Zum einen sehen viele Anleger die günstige Bewertung als Kaufsignal. Zum anderen sinkt die Aussagekraft einer Bilanz im Laufe des Geschäftsjahres. Verkauft ein Unternehmen ein Grundstück, um operative Kosten zu decken, sinkt der Buchwert sofort. Der reduzierte Wert wird allerdings erst zum nächsten Abschlussstichtag ausgewiesen. "Als Kalkulationsbasis dient weiter die zuletzt veröffentlichte Bilanz", erläutert Will- Laudien.

Wenn Aktien unterhalb ihres Buchwerts notieren, kann der Grund dafür aber auch in der schlechten Qualität der Bilanz liegen. Robert Suckel von SES Research erklärt den Unterschied zwischen Sekt und Selters: "Werden viele immaterielle Vermögenswerte aktiviert, erhöht sich das bilanzielle Risiko", das heißt der Buchwert ist eventuell ungerechtfertigt hoch - für den Analysten eine Erklärung, warum so viele Unternehmen am Neuen Markt weniger Wert sind als ihre vermeintliche Substanz.

Ist der Buchwert aber fundamental gerechtfertigt, also z.B. in Form von Produktionsanlagen real existent, stellt er nach Einschätzung Suckels die Untergrenze für die Börsenbewertung dar. Die Historie zeige, dass "das Phänomen oft der Punkt ist, an dem sich die Kurse wieder fangen", sagt der Experte. Und Reuschel-Analyst Will-Laudien ergänzt: "Der Pessimismus muss schon sehr weit fortgeschritten sein, wenn ein Titel so niedrig notiert." Die Wahrscheinlichkeit, dass der Kurs mittelfristig drehe, sei relativ hoch.

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