Bündnis für Arbeit will Mitarbeiterbeteiligungen fördern - Umdenken bei den Gewerkschaften
Aktienoptionen werden immer beliebter

Die Akzeptanz von Aktienoptionen und anderen Formen der Mitarbeiterbeteiligung bei den Arbeitnehmern wächst. Auch die Gewerkschaften sehen den Aktienbesitz der Arbeiter zunehmend als Chance, die klassische Mitbestimmung durch eine handfestere Form der Einflussnahme zu ergänzen.

HB BERLIN. Michael Lezius traute seinen Augen nicht. Als das geschäftsführende Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Partnerschaft in der Wirtschaft (AGP) jüngst an einer Tagung im Rahmen der Expo in Hannover zur Mitarbeiterbeteiligung teilnahm, saßen rund 200 Betriebsräte im Saal - und alle waren mehr oder weniger begeistert von dem Gedanken, Mitarbeiter über Aktienoptionen am Erfolg ihres Unternehmens zu beteiligen.

"Das wäre vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen," weiß Lezius, der mit der AGP unermüdlich dafür wirbt, Mitarbeiter zu Mitunternehmern zu machen. Mit wachsendem Erfolg. Boten Ende 1999 hier zu Lande 2 700 Unternehmen ihren zusammen 2,3 Millionen Beschäftigten verschiedende Formen der Kapitalbeteiligung an, so waren es zur Jahresmitte schon 3 000.

"Die Dynamik ist ungeheuer," meint Lezius. 200 dieser Unternehmen bieten Mitarbeitern Aktienoptionen in irgendeiner Form an, 150 davon sind am neuen Markt notiert. Bei ihnen spielt das Instrument der Kapitalbeteiligung eine andere Rolle, als bei Großunternehmen wie RWE, Daimler-Chrysler, Deutsche Bank oder SAP. Bei großen Unternehmen sind Aktienoptionen ein Bonbon zusätzlich zum meist schon guten Tarifgehalt. Sie sollen das Interesse der Belegschaft an einer positiven Wertentwicklung des Unternehmens und die Corporate Identity stärken.



Stock Option als entscheidender Einkommensbestandteil

Bei den Unternehmen am Neuen Markt sind die Stock-Options unterdessen ein entscheidender Einkommensbestandteil. Viele der Unternehmen lassen sich ihr Personal vom Kapitalmarkt bezahlen. Das reguläre Fixgehalt ist im Vergleich dazu oft winzig. Weihnachts- und Urlaubsgeld sind Fremdworte.

So kommen einfache Lagerarbeiter etwa beim Internet-Buchhändler Amazon.com mittels Aktienoptionen auf ein Jahresgehalt zwischen 60 000 und 120 000 DM. Bei der Softwareschmiede Intershop waren viele Mitarbeiter schon vor Erreichen des 30 Lebensjahrs Millionäre - dank Stock-Options.

Dass diese Art der Bezahlung nicht ohne Risiko ist, zeigt die aktuelle Entwicklung. Seit am Neuen Markt die Kurse einiger Aktien weit unter den Ausgabekurs gerutscht sind, bangen die Mitarbeiter um ihre Erfolgsprämie.



Gewerkschaften zeigen wachsendes Interesse

Den eigentlichen Schub erhielt die moderne Form der Beteiligung der Arbeitnehmer am Börsenerfolg ihres Unternehmens 1998. Damals machte die christ-liberale Koalition den Weg zur vermehrten Nutzung dieses Instruments im Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich erst frei.

Für wachsende Akzeptanz bei den Beschäftigten sorgte dann der Börsenboom. Arbeitnehmer, die früher Belegschaftsaktien aus Angst vor dem Anlagerisiko unverzüglich abstießen, kaufen inzwischen selbst Wertpapiere um von der hohen Rendite zu profitieren. Über die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer sind nach einer Studie von Kölner Wissenschaftlern bereits dafür, selbst Lohnzuwächse am Ertrag des Unternehmens zu orientieren.

Inzwischen haben Aktienoptionen nicht nur im parteilosen Bundeswirtschaftsminister Werner Müller einen starken Befürworter. Im Bündnis für Arbeit rangen sich jüngst auch die Vertreter von DGB, IG Metall und IG Bergbau, Chemie, Energie (BCE) zu einem grundsätzlich positiven Votum durch. Der Plan von Kanzler Gerhard Schröder, konkrete Formen der Mitarbeiterbeteiligung im Bündnis zu beschließen, wurde aber vertagt - zumal sich die Regierung noch nicht durchringen konnte, die Optionen steuerlich attraktiver zu machen.

Gerade in der IG Metall gibt es auch noch viel Skepsis. Reformer wie der in Nordrhein-Westfalens rot-grüne Landesregierung gewechselte IG-Metall-Bezirksleiter Harald Schartau können sich immerhin vorstellen, dass Tarifverträge künftig von den Betriebsparteien auszufüllende Bausteine enthalten, die auch Aktienoptionen vorsehen.

Die IG BCE beginnt dem Thema bereits ganz neue Aspekte abzugewinnen. In einem Aufsatz warfen Tomas Nieber und Rolf Jaeger aus deren Hauptvorstandsverwaltung jüngst die Frage auf, ob Aktienoptionen nicht eine willkommene Ergänzung der "immateriellen Mitbestimmung" sein könnten, wie sie im Betriebsverfassungsgesetz geregelt ist: Sollten die Gewerkschaften die "Eigentümereigenschaft" von Arbeitnehmerbeteiligungen nicht aufgreifen, gerade um die Orientierung der Vorstände am "Shareholder Value" in Richtung Arbeitnehmerinteressen zu verlagern? Könnte, fragen sie weiter, eine stärkere Beteiligung am Aktienkapital nicht auch eine nützliche Rolle spielen, wenn es darum gehe, Übernahmen zu verhindern, die deutsche Produktionsstandorte gefährden? In jedem Fall müssten die Gewerkschaften umdenken.

Fest steht, dass Arbeitnehmer ihr Teilhaberecht an steigenden Kursen anders sehen als Vorstände mit ihren Fünf-Jahres-Verträgen. Während die Chefs vom kurzfristigen Kursanstieg am stärksten profitieren, haben die Beschäftigten schon aus Sorge um die Sicherheit ihrer Jobs ein Interesse am langfristigen Werterhalt des Unternehmens.

Philipp Rosenthal war seiner Zeit voraus Aktienbesitz von Arbeitnehmern gilt unter Gewerkschaftern längst als Chance, die Vorstände zu einer Rückbesinnung auf den "Stakeholder Value" zu veranlassen.

Die RWE AG hat als eines der ersten Unternehmen die neuen Möglichkeiten des Kontroll- und Transparenzgesetzes zur Gewährung von Aktienoptionen an Mitarbeiter aufgegriffen. Die Akzeptanz ist groß, weil bei RWE schon immer rund 75 % der Beschäftigten Belegschaftsaktien besaßen. Jedes Jahr kann jeder Mitarbeiter 20 davon erwerben. Pro Aktie hat er heute drei weitere Aktienoptionen.

Geld bringt den Mitarbeitern die Option, wenn nach drei Jahren der Wert der Aktie um 10 % gestiegen ist. Der Optionswert wird jedoch bei weiteren 20 % Prozent gekappt, um die Belastung für RWE in Grenzen zu halten. Wie Arbeitsdirektor und Vorstandsmitglied Jan Zilius berichtet, halten RWE-Mitarbeiter inzwischen rund 3 % des Aktienkapitals.

Da war Philipp Rosenthal schon weiter. Der SPD-Mann beteiligte nach dem Krieg als einer der ersten die Mitarbeiter am Unternehmen und wurde dafür von Unternehmerkollegen als Sozialist gescholten. In der Blütezeit seiner Porzellanmanufaktur hielten die Mitarbeiter 10 % der Aktien. Nach der Übernahme der Rosenthal AG 1998 plant die irische Waterford Wedgwood plc als Mehrheitseignerin jetzt ein neues Beteiligungsprogramm.

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