Bürger fordern Rücktritt der Regierung
Ausschreitungen bei Protesten gegen Wirtschaftskrise in Türkei

Mehr als 200 Menschen wurden bei Massenausschreitungen gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise allein in Ankara verletzt. Die Demonstranten forderten erneut den Rücktritt der Regierung von Ministerpräsident Bülent Ecevit.

dpa ISTANBUL/ANKARA. Bei Massenprotesten in der Türkei gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise ist es am Mittwoch in der Hauptstadt Ankara und in der zentralanatolischen Stadt Konya zu schweren Ausschreitungen gekommen. Dabei wurden alleine in Ankara mehr als 200 Menschen verletzt, darunter mehr als 130 Polizisten, berichtete die Nachrichtenagentur Anadolu. Der Zustand von drei Verletzten sei kritisch. Die Demonstranten warfen Holzlatten, Steine und Schuhe. Die Polizei ging mit gepanzerten Fahrzeugen, Wasserwerfern, Schlagstöcken und Tränengas gegen die Menge vor. Die Polizisten gaben auch Warnschüsse in die Luft ab. In Ankara wurden den Angaben zufolge rund 100 Demonstranten festgenommen, in Konya etwa 50. Insgesamt hatten sich im ganzen Land schätzungsweise mehr als 200 000 Händler und Kleinunternehmer den Protesten angeschlossen.

In Ankara hatten etwa 70 000 Kleinunternehmer demonstriert, in Konya rund 50 000. Im westtürkischen Izmir protestierten 40 000, im südtürkischen Mersin rund 50 000 und im westanatolischen Denizli etwa 10 000 Händler. Tausende weitere Menschen demonstrierten unter anderem in Istanbul, in Gölcük im Nordwesten und in Gaziantep im Südosten.

Die Demonstranten forderten erneut den Rücktritt der Regierung von Ministerpräsident Bülent Ecevit. Auf Plakaten stand "Hau ab IWF - das ist unser Land", "Wir haben Hunger", "Jetzt reicht es" und "Die Regierung ist am Ende". Ecevit forderte ein Ende der seit Tagen andauernden Demonstrationen. Er warnte davor, dass die Proteste negative Auswirkungen auf die Tourismusbranche haben könnten.

Unterdessen wies Ecevit erneut Forderungen nach einem Rücktritt zurück. Die Krise war durch einen Streit zwischen ihm und Präsident Ahmet Necdet Sezer über die Bekämpfung der Korruption ausgelöst worden. In der Folge hatte die Landeswährung Lira im Vergleich zum Dollar um mehr als 40 Prozent an Wert verloren. Die Istanbuler Börse war eingebrochen, zahlreiche Unternehmen gingen Pleite.

Das türkische Militär will angesichts der schweren Krise 32 Projekte mit einem Volumen von insgesamt 19,5 Mrd. US Dollar aussetzen. Das berichtete der private türkische Fernsehsender NTV unter Berufung auf den Generalstab. Die türkische Regierung sucht derweil weiter nach einem Weg aus der Krise und will noch in dieser Woche - vermutlich am Freitag - ein umfassendes Programm bekannt geben.

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