Bürgerinitiative will Verhältniswahlrecht durchsetzen
Colorado wählt sein Wahlsystem

Am Rand der Rocky Mountains braut sich eine kleine Revolution zusammen. Im US-Bundesstaat Colorado stimmen die Wähler am Dienstag nicht nur über den neuen Präsidenten ab, sondern auch über das Wahlrecht selbst.

HB WASHINGTON. Das Ganze geht zurück auf den Vorstoß einer Bürgerinitiative, die das bisher geltende Mehrheitswahlsystem durch eine Verhältniswahl ersetzen will. Die neun Wahlmännerstimmen von Colorado gingen dann nicht mehr automatisch komplett an den Sieger, sondern würden nach Proporz auf die beiden Kandidaten verteilt.

Spricht sich morgen eine Mehrheit der Wähler für die Reform aus, würde der neue Modus ab sofort gelten. Colorado wäre dann der dritte Bundesstaat mit Verhältniswahlrecht. Bislang wählen nur Maine (vier Wahlmännerstimmen) und Nebraska (fünf) nach diesem Verfahren. In allen anderen Staaten gilt das "The-winner-takes-it-all"-Prinzip.

Eine solche Änderung des Wahlmodus hätte enorme Konsequenzen, falls die Präsidentschaftswahl landesweit zu einem knappen Ergebnis führen sollte. Im Extremfall könnte das Rennen um das Weiße Haus sogar in Colorado entschieden werden. Traditionell stimmt der Rocky-Mountains-Staat eher für den republikanischen Kandidaten. Doch in diesem Jahr liegt der demokratische Herausforderer John Kerry überraschend gut im Rennen - nicht zuletzt dank des Latino-Faktors. Rund 19 Prozent der Einwohner von Colorado sind "Hispanics", die den Demokraten zuneigen. Zusätzlichen Rückenwind bekommt Kerry durch zwei populäre Mexiko-Amerikaner: Die Salazar- Brüder wollen im US-Senat beziehungsweise im Repräsentantenhaus einen Sitz für die Demokraten erobern.

Nach den derzeitigen Umfragen würde Präsident George W. Bush mit dem Verhältniswahlsystem fünf und Kerry vier Wahlmännerstimmen bekommen. Vier Stimmen: Bei einem knappen Ergebnis wie in 2000 wäre das der Match-Winner.

Üblicherweise wird auch über andere Punkte abgestimmt

Der Unternehmer Jason Napolitano aus Fort Collins hatte vergeblich gegen das Referendum zur Wahlrechtsreform geklagt. Der "Verfassungszusatz 36" - das offizielle Motto der Initiative - sei nicht durch das Gesetz gedeckt, monierte Napolitano. Es sei ausschließlich Sache des Kongresses von Colorado, die Verteilung der Wahlmännerstimmen zu regeln. Doch ein Bundesrichter schmetterte den Einspruch des Unternehmers ab.

Rückendeckung hatte Napolitano durch den Rechtsprofessor Robert Hardaway aus Denver erhalten: "Die Vorstellung, dass Bürger ohne öffentliches Mandat Kompetenzen des Parlaments in die Hand nehmen, ist eine Überdehnung des Rechts." Dagegen argumentierte Mark Grueskin, Anwalt der Bürgerinitiative: "Die Gegner der Wahlrechtsreform wollen sich über das Volk von Colorado stellen: Sie versuchen, den Wählern ihre Stimmen wegzunehmen."

Es ist in den Vereinigten Staaten durchaus üblich, dass bei Präsidentschaftswahlen auch über andere Punkte abgestimmt wird. So können die Bürger von elf Bundesstaaten morgen ankreuzen, ob sie für oder gegen ein Verfassungsverbot für Ehen zwischen Homosexuellen sind.

Eine Gruppe mit dem Namen "Bürger von Colorado gegen eine wirklich dumme Idee" macht nun gegen die Aufteilung der Wahlmännerstimmen mobil. "Wir wollen diesen Vorschlag bei der Wahl ein für alle Mal killen", kündigt Sprecherin Katy Atkinson an. Falls dies jedoch nicht gelingt, malt Atkinson bereits ein Horrorszenario an die Wand: "Dann gibt es eine Prozess-Lawine", sagt sie, "und Colorado wird zum zweiten Florida."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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