Bürgerjournalismus in Südkorea
Angriff auf die Medienprofis

Zeigt Südkorea die Zukunft des Journalismus? Die Website Ohmynews ist längst über die Landesgrenzen hinaus bekannt, erobert Japan, Amerika und Europa. Sogar eine Präsidentschaftswahl hat sie maßgeblich beeinflusst. Das Erfolgsrezept ist so einfach wie revolutionär.

SEOUL. "Wir Koreaner sind verrückt", sagt Nah Young-joon. "Verrückt nach Geschichten mitten aus dem Leben." Nah ist Verlagsangestellter, 37 Jahre alt und lebt in Seoul, Südkorea. Die Geschichten, von denen er spricht, sind nicht auf Papier gedruckt. Sie stehen im Netz, online. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches in einem Land mit der größten Internet-Dichte weltweit. Verglichen mit Altersgenossen in westlichen Industriestaaten verbringen Koreaner wesentlich mehr Zeit im World Wide Web und weniger vor dem Fernseher.

Trotzdem rieb sich die Nation im Jahr 2002 verwundert die Augen, als die bis dahin völlig unbekannte Bürgerreporter-Website mit dem Namen Ohmynews (» www.ohmynews.com), gestaltet von journalistischen Laien, den Präsidentschaftswahlkampf auf den Kopf stellte. Die auf Ohmynews veröffentlichten Artikel verhalfen Newcomer Roh Moo-hyun zu einem überraschenden Sieg.

Roh wurde der erste "Internetpräsident" Südkoreas und Ohmynews berühmt. Der Sieg Rohs war Ausdruck eines Generationswechsels und eine Machtdemonstration des Internets zugleich. Ohmynews mobilisierte vor allem die jungen Koreaner, die vor den konservativen Medien, die mit der Macht kungelten, zurückschreckten.

Mittlerweile hat Ohmynews mit einem Mitarbeiterstab von 60 000 Reportern aus 88 Ländern die Größe eines internationalen Konzerns und zählt zu den einflussreichsten Stimmen des Landes. Nicht nur die Wahl des Außenseiters Roh zum Staatspräsidenten, auch der Erdrutschsieg seiner Uri-Partei bei den Parlamentswahlen zwei Jahre später und die Aufdeckung einiger Skandale werden dem Einfluss von Ohmynews zugeschrieben. Bekanntestes Beispiel: Die heimlichen Zahlungen an Nordkorea zur Belohnung für das Gipfeltreffen im Jahr 2000.

Das Phänomen Ohmynews lässt Medienunternehmen und Journalisten weltweit aufhorchen. Denn das Erfolgsrezept ist so einfach wie revolutionär: "Jeder Bürger ist ein Reporter", lautet die Philosophie. Die Ohmynews-Mitarbeiter sind keine ausgebildeten Schreiber, sondern Hausfrauen, Ärzte, Studenten oder Bauarbeiter. Quasi jeder Beruf, jedes schreibfähige Alter ist vertreten. Gemeinsam ist den Autoren nur, dass sie Amateure sind.

Auch Nah Young-joon ist Bürgerreporter. Seit vier Jahren engagiert er sich bei Ohmynews und hat rund 150 Artikel veröffentlicht. Wie viele seiner Amateur-Kollegen vermisst er beim professionellen Journalismus vor allem eins: Nachrichten jenseits der vorgegebenen politischen und wirtschaftlichen Agenda, die persönliche Perspektive, den Kontakt zum Bürger. "Das Internet funktioniert in beide Richtungen", sagt Nah. "Journalismus ist nicht länger ein Vortrag, sondern eine Konversation."

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