„Bürgerkriegsähnliche Zustände“ reichen als Grund für Stornierung
Terroranschlag rechtfertigt Reiserücktritt

Wer angesichts der schockierenden Fernsehbilder und wochenlanger Medienberichterstattung aus Angst vor weiteren Terroranschlägen von einer vor dem 11. September 2001 gebuchten New-York-Reise wieder Abstand genommen hat, kann vom jeweiligen Reiseveranstalter bereits geleistete Anzahlungen auf den Reisepreis zurückfordern.

crz BRÜHL. Das hat das Landgericht (LG) Frankfurt/Main in einem kürzlich bekannt gewordenen Urteil entschieden. Begründung: Bei den Terrorakten habe es sich um "flächendeckende bürgerkriegsähnliche Zustände" gehandelt, die deutsche Touristen aus damaliger Sicht zum Rücktritt vom Reisevertrag wegen höherer Gewalt berechtigt hätten.

Dem Umstand, dass das Auswärtige Amt im Anschluss an die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon keine Reisewarnung für die Vereinigten Staaten von Amerika ausgesprochen hatte, maß das Gericht dagegen keine Bedeutung bei. Eine aktuelle Analyse aller Reisewarnungen habe nämlich deutlich gezeigt, "dass solche Staaten ausgenommen waren, mit denen die Bundesrepublik Deutschland wesentliche wirtschaftliche Interessen und Sympathien verbunden hat oder in welche eine starke Reiseintensität festzustellen war", so die Frankfurter Richter. Und eine solche Verbindung bestehe eben "gerichtsbekannt" auch zwischen Deutschland und Amerika.

In dem Urteilsfall hatten zwei deutsche Touristen vor den Anschlägen eine vorweihnachtliche Einkaufs- und Besichtigungsreise nach New York gebucht - und zwar vom 24. bis 30.11.2001. Der Reisevertrag sah auch eine Besichtigung des WTC vor. Nach den Terrorakten kündigten sie den Reisevertrag und verlangten vom Reiseveranstalter die geleistete Anzahlung in Höhe von 482 Euro zurück.

Das LG Frankfurt hielt die Kündigung wegen höherer Gewalt für gerechtfertigt. Unter diesen Begriff subsumieren die Reisegerichte insbesondere Kriege, innere Unruhen, Epidemien, Naturkatastrophen oder ähnlich schwerwiegende Ereignisse. Im Gegensatz zu anderen terroristischen Anschlägen habe der 11. September 2001 und die politischen Reaktionen darauf ein bis dahin nicht gekanntes Ausmaß erreicht, betont das LG Frankfurt. Deshalb seien die Gewaltakte nicht nur als vereinzelte terroristische Anschläge anzusehen, sondern als flächendeckende bürgerkriegsähnliche Zustände. Der später tatsächlich eingetretene Verlauf der Ereignisse spiele dagegen keine Rolle. Aus damaliger Sicht sei die Wahrscheinlichkeit weiterer Terrorakte nämlich erheblich gewesen.

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