Bürokratieabbau
Der müde Kommissar

Günter Verheugen wünscht sich mehr Tempo beim Bürokratieabbau in Europa. Von einer Vertrauenskrise will er nichts wissen. Auch den "großen, großen Prozess" Bürokratieabbau sieht der Kommissar durch den Aufstand der EU-Beamten "nicht in Gefahr."

PARIS / BERLIN. Die Haltung gebückt, der Gang schleppend, die Mundwinkel nach unten gezogen: Günter Verheugen wirkt alles andere als dynamisch, als er im achten Stock der Zentrale des französischen Arbeitgeberverbandes Medef vor die Presse tritt. Hinter ihm ragt der Eiffelturm in den grauen Pariser Oktoberhimmel, und neben ihm verbreitet Arbeitgeberpräsidentin Laurence Parisot Höflichkeiten: "Ich bin voll und ganz einverstanden mit dem Kommissar: Wir müssen schneller vorankommen auf dem Weg zu einem großen europäischen Markt."

Auch Verheugen wünscht sich mehr Tempo - beim Bürokratieabbau in Europa. Vor vier Wochen ließ er die Öffentlichkeit in aller Deutlichkeit wissen, wer ihn dabei ausbremst: Die renitente Beamtenschaft in der Brüsseler EU-Behörde. Das von allen Politikern gefürchtete Imperium schlug prompt zurück - und zwar an eine empfindliche Stelle. Nicht ganz zufällig wurde die angebliche Liebesbeziehung des Kommissars zu seiner erst im Frühjahr beförderten Stabschefin zum deutschen Medienthema. Den Vorwurf der Vetternwirtschaft wird Verheugen seither nicht mehr los. Aus der Brüsseler EU-Belegschaft hagelt es täglich Attacken.

Von einer Vertrauenskrise zwischen ihm und den 23 000 EU-Beamten will Verheugen trotzdem nichts wissen. "Die Gewerkschaften schlagen natürlich zurück", sagt der Kommissar. Aber diese Gewerkschaften würden keineswegs für alle Mitarbeiter der EU-Kommission sprechen. "Ich habe hunderte, ja sogar tausende von E-Mails bekommen, die mich unterstützen", beteuert der Deutsche. Dagegen ist der Stapel der Protestbriefe von EU-Beamten nur "sooo klein", sagt der Industriekommissar und hält die Hände dicht übereinander.

Auch den "großen, großen Prozess" Bürokratieabbau sieht der Kommissar durch den Aufstand der EU-Beamten "nicht in Gefahr." Bereits in zwei Wochen werde die EU-Kommission ein neues Paket vorlegen, um die EU-Vorschriften "radikal zu vereinfachen". "Das Projekt ist wieder auf Kurs", sagt Verheugen. Mittelfristig würden die Unternehmen um 150 Mrd. Euro Bürokratiekosten entlastet. Der Produktivitätsgewinn entspreche 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der EU.

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