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Bulgaren feiern Abitur so groß wie eine Hochzeit

Sofia (dpa) - Die Partygäste warten gespannt auf die 17-jährige Anna. Die junge Dame wird im Kinderzimmer einer Wohnung in Sofia von mehreren Frauen geschminkt und angekleidet. Das üppige Büfett vom Feinkosthändler interessiert die Eingeladenen kaum - sie sind in erster Linie neugierig auf das Kleid und die Frisur des Teenagers.

Sofia (dpa) - Die Partygäste warten gespannt auf die 17-jährige Anna. Die junge Dame wird im Kinderzimmer einer Wohnung in Sofia von mehreren Frauen geschminkt und angekleidet. Das üppige Büfett vom Feinkosthändler interessiert die Eingeladenen kaum - sie sind in erster Linie neugierig auf das Kleid und die Frisur des Teenagers.

Eine Freundin mit Videokamera und ein bestellter Fotograf haben vor der Zimmertür Stellung bezogen, um den großen Augenblick auch im Bild festzuhalten. Endlich erscheint Anna in einem edlen, rückenfreien Designer-Kleid, mit modischem Make-up und lässigem Haarschnitt.

Auch wenn es so scheinen mag - Anna ist keine Braut. Sie ist eine von Tausenden Abiturientinnen im recht armen Bulgarien, die ihren Schulabschluss traditionell so pompös wie eine Hochzeit feiern. Diese prunkvollen Feste in den letzten Mai-Tagen sind umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass der Durchschnittslohn in dem Balkanland unter 400 Lewa (200 Euro) im Monat liegt.

Doch die rund zehn Prozent der Neureichen in dem ehemals kommunistischen Bulgarien zahlen gerne jeden Preis, um ihren Abiturienten eine unvergessliche Party zu ermöglichen. Wer es sich leisten kann, fährt sogar ins Ausland, vornehmlich in die Nachbarstaaten Griechenland und Türkei. Aber auch die Ärmeren wollen feiern wie die Reichen und stürzen sich dafür oft in Schulden. Schließlich soll die Tochter aussehen wie ein Model, und auch der Sohn darf die Familie nicht blamieren.

Nach Partys am Nachmittag geht die Feierei meist in den teuersten Restaurants und Hotels weiter. Ein Mitschüler holt auch Anna mit einem Luxus-Auto ab: Annas Vater hat einen Jaguar bestellt, in dem Familienangehörige sie bis zum Nationalen Kulturpalast im Zentrum von Sofia begleiten. Im Lokal hoch über den Dächern der Hauptstadt nimmt seine Tochter dann endgültig Abschied von der Schulzeit.

Die Kolonnen von eigenen oder gemieteten Limousinen und Jeeps der Abiturienten werden von Jahr zu Jahr zu einer immer größeren Plage. Die jungen Leute rasen durch die Straßen, verstoßen gegen fast alle Verkehrsregeln, verursachen Staus, Lärm und Unfälle. Polizeiliche Verbote haben nichts genützt. Vier Menschen kamen allein im vergangenen Jahr bei Verkehrsunfällen mit feiernden Abiturienten ums Leben, in diesem Jahr waren es bislang zwei.

Für viele kommt am Tag nach dem Fest jedoch der große Kater, denn die Zukunft sieht für die jungen Abiturienten in Bulgarien nicht sehr rosig aus. Nur wenige können wie Anna ein Studium in Deutschland planen oder sich den Besuch einer guten privaten Hochschule leisten.

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