Bundesanstalt für Arbeit
Konjunkturtief stürzte Arbeitsmarkt in schwere Krise

Der Optimismus des neuen Chefs der Bundesanstalt für Arbeit, Florian Gerster, schwand mit jedem Monat. Am Ende mochte er sich gar nicht mehr festlegen, wohin der Arbeitsmarkt in den nächsten Monaten steuern könnte.

HB/dpa NÜRNBERG. Die Zurückhaltung ist verständlich: Selten hatten Arbeitsmarktexperten angesichts der wirtschaftlichen Talfahrt mit ihren Prognosen so daneben gelegen wie im Jahr 2002. Statt des erwarteten leichten Aufschwungs erlebte der Arbeitsmarkt seine schwerste Krise seit dem Start der rot-grünen Bundesregierung im Jahre 1998.

Noch Gersters Vorgänger Bernhard Jagoda war kurz vor seinem Sturz im Frühjahr von einer Arbeitslosigkeit von rund 3,9 Millionen im Jahresdurchschnitt 2002 ausgegangen. Doch die Entwicklung der letzten Monate machte deutlich: Die durchschnittliche Arbeitslosigkeit dürfte in diesem Jahr auf rund 4,1 Millionen steigen. Denn schon Ende November - ohne die noch ausstehenden Dezember-Zahlen - lag der Wert bei 4,073 Millionen. Monat für Monat hatte die Zahl der Erwerbslosen im Schnitt um fast 237 000 höher gelegen als im Vergleichsmonat des Vorjahres.

Immer neue Entlassungswellen, die längst auch die Computer- und Telekommunikationsbranche nicht aussparten, trieben die Arbeitsmarktzahlen in sieben der ersten elf Monate dieses Jahres über die psychologisch wichtige Vier-Millionen-Marke. Noch im Jahr 2001, als noch ein leichter Aufschwung die Fantasien der Optimisten beflügelte, hatte die Arbeitslosigkeit lediglich im Februar höher als vier Millionen gelegen.

Auch das neue Job-Aktiv-Gesetz vermochte die Talfahrt des Arbeitsmarktes kaum zu verlangsamen. Lediglich die Zahl der älteren Arbeitslosen konnte um rund 85 000 (Stand Ende November) gedrückt werden. Auf einen Job wechselten freilich nur die wenigsten; viele nutzten vielmehr die neue Möglichkeit, sich altersbedingt als unvermittelbar einstufen zu lassen und verschwanden damit aus der Statistik. Auch der vom Gesetzgeber verstärkte Druck auf arbeitsunwillige Arbeitslose blieb nicht ohne Wirkung: Etlichen Tausend wurden Leistungen gestrichen. Auch sie tauchten erst mal nicht mehr in der Statistik auf, ohne aber einen Job gefunden zu haben.

Wer dennoch an einen Aufschwung glaubte, wurde endgültig mit den November-Zahlen aus seinen Träumen gerissen. In diesem Monat war die Arbeitslosenzahl um 96 100 auf 4,025 Millionen gestiegen - und damit auf den höchsten November-Stand seit fünf Jahren. Umgekehrt sei die Erwerbstätigenzahl im September - der aktuellste Wert - "so stark gesunken wie in einer Rezession", stellt etwa der Arbeitsmarkt- Experte des Münchner ifo-Instituts, Wolfgang Meister, fest.

Unter dem Eindruck der November-Zahlen sind die Fachleute derzeit mit Arbeitsmarktprognosen für das Jahr 2003 entsprechend vorsichtig: "Die Entwicklung im November hat unsere Modelle ziemlich durcheinander gebracht", räumte Meister ein. Wie die die meisten Vertreter von Wirtschaftsforschungs-Instituten erwartet auch der ifo- Experte ein Anspringen des Arbeitsmarktmotors frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2003. "Das wird aber nicht sehr schwungvoll sein", fügt er hinzu.

Vor zu großem Optimismus warnt auch der Arbeitsmarkt-Experte des Kieler Institut für Weltwirtschaft, Rainer Schmidt. Auch er erwartet angesichts des prognostizierten leichten Wirtschaftsaufschwungs für den Frühherbst eine "leichte Aufhellung des Arbeitsmarktes". Allerdings sei fraglich, ob davon wirklich Arbeitslose profitieren werden. "Das wird eher eine Chance für Teilzeit arbeitende Frauen sein, die bisher im Elternurlaub waren." Und auch bei den geplanten Personal-Service-Agenturen (PSA) im Zuge der Hartz-Reform sind die Fachleute eher skeptisch. "Auch PSAs können Mitarbeiter nur vermitteln, wenn es freie Arbeitsplätze gibt", meint Meister.

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