Bundesbildungsrepublik
Laptops statt Holzspielzeug

Unsere Kanzlerin entpuppt sich in einer Beziehung als Riesenüberraschung. Anders als alle Vorhersagen wird ausgerechnet die politische PR zu ihrem größten Trumpf.
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Im Anorak am Nordpol das Weltklima retten, mit dem Dalai Lama im Arm Tibet befreien, via breitem Dekolletee Europas Opern-Kultur huldigen und nun mit Kindergartenzwergen die deutsche Bildungsmisere beseitigen. Angela Merkel hat ein sicheres Gespür für Themen und - inzwischen auch - für Inszenierungen. Den Grünen hat sie so den Umweltschutz entrissen, der SPD die Familienpolitik, nun will sie den Liberalen das Bildungsthema abspenstig machen.

Die Merkelsche Bildungsoffensive wird freilich ein schwieriges Unterfangen. Denn schon melden sich eifersüchtige Ministerpräsidenten, sie betreibe thematischen Hausfriedensbruch, denn Bildungspolitik sei Ländersache. Zudem ist das Bildungsproblem Deutschlands nur vordergründig ein organisatorisches. In Wahrheit hat sich eine bildungs- und fortschrittsfeindliche Alltagskultur ausgebreitet, an der Merkels Bildungs-PR kaum etwas ändern dürfte - leider.

Ein Beispiel: In wenigen Tagen lassen die Europäer in Genf auf einem gigantischen Teilchenbeschleuniger namens Cern spektakulär testen, was die Welt im Innersten zusammen hält. Nie gesehene Welten werden plötzlich offenbar. Ein großer Moment der Menschheit. Mal abgesehen von Deutschland. Wir finanzieren zwar, unsere Wissenschaftler sind dabei, nur unser Interesse bleibt aus. Die neue Liebschaft von Boris Becker, Heidi Klumms Beine, der Schnupfen von Olympioniken - alles wichtiger. Große, nationale Zeitungen melden die Experimente in Genf mit der gleichen emotionalen Temperatur wie die Bilanzzahlen der Filzfabrik Fulda. Die Fernsehsender platzieren das Ereignis unter Vermischtes - irgendwo zwischen Paris Hilton und Jürgen Klinsmann. Wir stellen die Hierarchie der Wichtigkeiten dauernd auf den Kopf.

Mehr noch: Unser Verhältnis zu Technik und Fortschritt, zur Wissenschaft, zu echter Leistung, zum Entdeckertum ist offenbar gestört. Andere Nationen - allen voran die Amerikaner - feiern Weltraummissionen oder technische Durchbrüche mit dem Bewusstsein des Heroischen. Wir nicht. Ganz und gar nicht.

Wie auch, wenn wir unseren Kindern lieber Holzspielzeug schenken als Laptops, wenn wir die Naturwissenschaften zum Abwahlfach an den Schulen degradieren, wenn wir Bohlen und Ballack zu Helden erklären, nicht aber unsere Wissenschaftler und Erfinder, wenn wir das Land lieber mit Windmühlen zustellen als die Kernfusion zu erforschen. In unseren Familien werden Fernsehen, Internet und Computer als Übel der Moderne stigmatisiert und von Kindern möglichst ferngehalten. Dabei sind sie grandiose, mächtige Instrumente der Moderne.

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