Bundesfinanzministerium: "Reine Spekulation"
Kein Aufsichtsrats-Beschluss zur Ablösung Sommers

Die Bundesregierung wird nach den Worten von Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) nicht das berufliche Schicksal des in die Kritik geratenen Telekom-Chef Ron Sommer bestimmen.

rtr/vwd BONN. Müller sagte am Dienstag in Frankfurt, jede Entscheidung über die berufliche Zukunft des seit 1995 amtierenden Sommer sei eine Sache des Aufsichtsrats der Deutschen Telekom. In der Bonner Firmenzentrale berieten am Dienstag die Spitzen des Aufsichtsrates über die Lage des Unternehmens nach der sich immer stärker auf den Vorstandschef verengenden Telekom-Debatte.

Nach mehr als zehn Stunden hat das Präsidium des Aufsichtsrates der Deutschen Telekom AG nach Angaben von Kreisen des Bonner Unternehmens seine Sitzung jedoch ohne ein Ergebnis beendet. Es sei weder ein Beschluss zur Anberaumung einer Aufsichtsratssitzung gefallen noch eine Empfehlung zur Ablösung des Vorstandsvorsitzenden Ron Sommer gegeben worden, so Agenturberichte. An den Beratungen haben, teilweise auch telefonisch, den Kreisen zufolge alle vier Mitglieder des Präsidiums teilgenommen.

Die Bundesregierung dementierte einen Bericht, nach dem der frühere VW-Chef Ferdinand Piech neuer Chef von Europas größtem Telekom-Unternehmen werden solle. Wirtschaftsminister Müller bezeichnete Medienspekulationen, wonach er als Sommer-Nachfolger in Betracht käme, als "völligen Quatsch". An den Kapitalmärkten sorgte die Erwartung einer Ablösung Sommers für kräftig steigende Kurse bei den Telekom-Aktien und für sinkende Renditen bei Anleihen des Unternehmens.

Sommer steht seit Monaten unter anderem wegen des dramatischen Absturzes des Aktienkurses und der hohen Verschuldung des Unternehmens in der Kritik der Öffentlichkeit und der Investoren. Die Aktie hat gegenüber ihrem Höchststand von knapp 105 Euro im Frühjahr 2000 mehr als 90 Prozent verloren. Rund drei Millionen Deutsche halten Telekom-Aktien. Die Entwicklung der einstigen "Volksaktie" wird zunehmend auch Thema im Bundestagswahlkampf. Der Bund ist 43 Prozent des Telekom-Kapitals größter Aktionär.

Die "Wirtschaftswoche heute" berichtete, Sommer werde bis spätestens kommenden Montag (15. Juli) sein Amt niederlegen. Die "Berliner Zeitung" (Mittwochausgabe) rechnet bis zum Wochenende mit einem Rücktritt. Schröder quittierte am Nachmittag Fragen von Journalisten nach der Zunkunft des seit 1995 amtierenden Sommer damit, dass er eine Pressekonferenz sichtlich verärgert und wortlos verließ. Das Finanzministerium, das den einzigen Vertreter der Regierung im 20-köpfigen Telekom-Aufsichtsrat stellt, sah "keine Veranlassung, sich zu unternehmerischen Entscheidungen zu äußern."

Erneutes Dementi

Pläne über eine angebliche Bereitschaft der derzeitigen Regierung zur Ablösung von Sommer noch vor der Wahl waren zu Wochenbeginn erneut dementiert worden. Anders als in den vergangenen Wochen enthielt das jüngste Dementi aber keine Würdigung der Arbeit von Sommer mehr. Aus der SPD-Führung war der Telekom-Aufsichtsrat aufgefordert worden, notfalls in die Unternehmensgeschicke einzugreifen.

An der Börse sorgte das Treffe des Aufsichtsrats-Präsidiums zunächst für einen deutlichen Kursaufschwung, der im weiteren Handelsverlauf im schwächeren Markttrend jedoch wieder zusammenschmolz. Der Magazinbericht über den angeblich bevorstehenden Rücktritt von Sommer verlieh den Aktien am Nachmittag jedoch wieder Auftrieb. Am Abend notierten die Papiere noch sieben Prozent fester bei 11,40 Euro. Der Umsatz entsprach mit rund 55 Millionen T-Aktien mehr als dem Doppelten des Durchschnitts der vergangenen 90 Tage. Knapp die Hälfte des gesamten Geschäfts im Dax entfiel auf die Telekom-Papiere.

Ein Aktienhändler sagte, Sommer könne im Hinblick auf die anstehenden Wahlen zum Opferlamm der Politiker im Kampf um die Gunst der Kleinaktionäre werden. Ein Fondsmanager sagte, die Märkte glaubten offensichtlich, dass jeder andere besser als Sommer sei. Börsenexperten bezweifelten schnelle grundlegende Änderungen beim Konzern nach einem Abschied von Sommer.

Möglicher Führungswechsel schürt Hoffnungen

Der mögliche Führungswechsel schürte an den Bond-Märkten Analysten zufolge Hoffnungen, der Konzern könnte seine Verschuldung von rund 67 Milliarden Euro zügiger als geplant abbauen. Die Risikoprämie gegenüber Staatsanleihen sank. "Der Abgang von Sommer alleine würde wahrscheinlich nicht viel ändern, aber ein Managementwechsel ist symbolisch", sagte John Pearce, Analyst bei Dresdner Kleinwort Wasserstein.

Einem Bericht des Berliner "Tagesspiegel" zufolge kommt die Telekom unterdessen beim Verkauf ihrer restlichen TV-Kabelnetze gut voran. "Wir werden noch im zweiten Halbjahr einige Kabel-Regionen verkaufen", zitierte die vorab aus ihrer Mittwochausgabe Unternehmenskreise. In mit der Situation vertrauten Kreise wurden Fortschritte bei den vor wenigen Wochen angelaufenen Verhandlungen bestätigt. Neben dem US-Medienkonzern Liberty Media seien auch andere Bieter als Vertragspartner vorstellbar. Ein Sprecher der Telekom wollte den Bericht nicht kommentieren. Im Frühjahr war die Telekom mit dem Versuch gescheitert, sechs Kabelnetze an Liberty für 5,5 Milliarden Euro zu verkaufen, da das Bundeskartellamt gegen die Veräußerung votierte. Mit dem Verkaufserlös für die Kabelnetze will die Telekom ihre Verschuldung senken.

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