Bundesländer suchen händeringend nach Pädagogen
Analyse: Die Ursache des Lehrermangels

Deutschland gehen die Lehrer aus. Nach einer Studie des Essener Bildungsforschers Klaus Klemm werden in den alten Bundesländern zwischen 2005 und 2010 rund 120.000 Lehrer in Pension gehen, weitere 35.000 im Osten.

Um diese zu ersetzen, müssten nach Schätzungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in den nächsten zehn Jahren jährlich 25.000 Lehrkräfte eingestellt werden. Es wachsen jedoch nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft nur knapp 17.000 Jung-Lehrer pro Jahr aus den Universitäten nach.

In einigen Fächern ist der Lehrkräftemangel bereits sichtbar: Seit dem Jahr 2000 sind die Naturwissenschaften unterbesetzt, in Nordrhein-Westfalen werden bereits 80 Prozent der Musikstunden fachfremd unterrichtet und Lücken drohen nun auch in Hauptfächern wie Deutsch oder Englisch.

Hektische Suche nach Lehrkräften

Die Bundesländer reagieren auf diese Entwicklung mit hektischem Aktionismus. Hessen will mit besserer Bezahlung Lehrer aus anderen Bundesländern abwerben, Nordrhein-Westfalen heuert arbeitslose Ingenieure und Pensionäre an und bereitet sie mit einem pädagogischen Schnellprogramm auf den Lehrberuf vor. Auch andere Bundesländer suchen bereits fachfremde Lehrkräfte, um den Mangel an Berufsschulen und in den Naturwissenschaften auszugleichen.

Martin Fischer von der Bundesvereinigung der Oberstudiendirektoren kritisiert die hektische Suche nach unqualifiziertem Lehrpersonal: "Der Mangel verhilft nun wieder solchen Kandidaten zu einem Lehramt, die in den Schulen gar nicht gebraucht werden können".

In der Tat gab es das Phänomen Lehrermangel schon einmal. Mitte der sechziger Jahre wurden im großen Stil Lehrer eingestellt. Für den Dienst an Grundschulen reichte damals das Abitur, später wurden Hochschulabsolventen ohne pädagogische Ausbildung in den Schuldienst übernommen. Zu Beginn der 80er Jahre gingen dann die Schülerzahlen zurück. Und da ein Großteil der Stellen gerade besetzt worden war, war die Nachfrage nach jungen Lehrern für die nächsten dreißig Jahre weitgehend gesättigt.

Als Folge der schlechten Berufsaussichten orientierten sich die Studierenden um. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft ging die Zahl der Erstsemester bei den Lehramtsstudiengängen seit 1990 um ein Drittel zurück. In den letzten Jahren fiel das Interesse am Lehrberuf sogar noch deutlicher ab.

Spätfolge der Masseneinstellungen in den 60er Jahren

Man braucht aber kein Statistiker zu sein um zu wissen, dass die in den 60er Jahren massenhaft eingestellten Lehrer zu Beginn dieses Jahrtausends auch geschlossen in den Ruhestand gehen. Die zuletzt gestiegenen Schülerzahlen waren für die Bundesländer ebenfalls mindestens sechs Jahre im Voraus berechenbar. Schließlich ist bekannt, dass Kinder nach sechs bis sieben Lebensjahren eingeschult werden. Mit einer vernünftigen Personalplanung hätte der Lehrermangel dieses Mal verhindert werden können.

Das hatte man vor fünf Jahren auch unter den Kultusministern erkannt. Ein Bericht der Kultusministerkonferenz auf Vorschlag des Hamburger Staatsrats Herrmann Lange empfahl damals eine kontinuierliche Personalplanung, um den Bedarf im Voraus abzufedern.

Der Vorschlag wurde jedoch nicht in die Tat umgesetzt. Den Landesfinanzministern wollte angesichts leerer Kassen nicht einleuchten, warum sie für bis dato nicht gebrauchte Lehrer Geld ausgeben sollten. Berufsberater und Kultusministerien rieten daher noch bis vor kurzem konsequent vom Lehramtsstudium ab.

Das Ende vom Lied: Demnächst werden wieder fachfremde und unqualifizierte Lehrer an den Schulen unterrichten, während die wahren Talente der vergangenen Jahre auf Computerfachmann, Journalist oder andere Berufe umgesattelt haben. Und nach 2010 werden die Türen dann wieder für Jahrzehnte zugemacht.

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