Bundesregierung geht von Trittbrett-Fahrer aus - Milzbrand-Erreger in Brief an führenden US-Senator
Brief löst Milzbrand-Alarm in Kanzleramt aus

Im Berliner Kanzleramt ist am Montag Milzbrand-Alarm ausgelöst worden, nachdem in der Poststelle ein Brief mit verdächtigem weißen Pulver aufgetaucht war. Die Bundesregierung ging zunächst allerdings nicht von einem terroristischen Anschlag aus.

afp BERLIN/WASHINGTON. "Wir müssen damit rechnen, dass es sich auch in diesem Fall um Trittbrettfahrer handelt", sagte Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Abend. Das Ergebnis der Untersuchungen des Pulvers im Berliner Robert-Koch-Institut sollte demnach erst in der Nacht vorliegen und am Dienstagvormittag bekanntgegeben werden. In den USA wurden dagegen in einem Brief an den Mehrheitsführer des Senats, Thomas Daschle, am Montag Milzbrand-Erreger gefunden. US-Präsident George W. Bush teilte in Washington mit, erste Tests hätten den Verdacht bestätigt. Einige Mitarbeiter Daschles würden auf die Krankheit untersucht.

Steinmeier betonte: "Wir haben noch keinen Hinweis auf einen terroristischen Hintergrund." Der Kanzleramtschef sprach mit Blick auf einen möglichen Trittbrett-Fahrer von "unverantwortlicher Panikmache". Seinen Angaben zufolge tauchte das Pulver am Mittag in der Poststelle auf, die daraufhin sofort evakuiert wurde. Die Klimaanlage im Kanzleramt sei umgehend abgeschaltet worden. Danach wurden laut Steinmeier das Robert-Koch-Institut eingeschaltet und die Mitarbeiter des Kanzleramts informiert. Zwei Mitarbeiter der Poststelle seien mit dem Pulver in Kontakt gekommen. Beide würden ärztlich beobachtet, seien aber zu Hause. Sonst sei niemand mit dem Pulver in Berührung gekommen. Die Mitarbeiter der Poststelle seien am Mittag angewiesen worden, Briefe nur noch mit Latexhandschuhen zu öffnen.

Die Kontrollen beim Zugang zum Kanzleramt wurden laut Steinmeier verschärft. Weitere verdächtige Briefe in Bundeseinrichtungen seien nicht bekannt, betonte er. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte am Nachmittag einen Termin außer Haus, kehrte dann aber ins Kanzleramt zurück, wo am Abend eine Unterrichtung der Fraktionschefs stattfinden sollte.

In Washington schloss US-Präsident Bush nicht aus, dass der Moslemextremist Osama bin Laden hinter der Serie von Milzbrand-Briefen in den USA stecke. Allerdings gebe es dafür bisher keine Belege. US-Senator Daschle kam nach Angaben des TV-Senders CNN nicht in Kontakt mit dem Brief. Daschle leitet im Senat die Fraktion der oppositionellen Demokraten, die dort über die Mehrheit verfügen. In den USA wurden bis Montag zwölf Milzbrand-Infektionen gezählt, ein Journalist war vor zehn Tagen gestorben.

In Frankreich und den Niederlanden tauchten ebenfalls Briefe mit verdächtigem Pulver auf. In Paris waren die meisten von ihnen an Behörden und öffentliche Einrichtungen adressiert, darunter die renommierte Hochschule Collège de France und ein Finanzamt. Die Gebäude wurden evakuiert. In Amelo in den Niederlanden räumten Sicherheitskräfte den Sitz der niederländischen Tochtergesellschaft des US-Computerherstellers 5M. Der verdächtige Brief wurde auf Milzbrand-Sporen untersucht.

In Deutschland hielt die Angst vor Terrorattacken mit Milzbrand-Erregern auch Polizei und Post außerhalb Berlins in Atem. In Troisdorf bei Bonn und in Frechen bei Köln blieben vorübergehend zwei Briefzentren gesperrt, dann konnte Entwarnung gegeben werden. In beiden Fällen waren weiße Substanzen aufgetaucht, die sich später aber als harmlos erwiesen. Laut Post blieben durch die Sperrung der zwei Briefzentren «mehrere zehntausend Sendungen» liegen. Auch bei der PDS in Leipzig ging ein verdächtiger Brief ein. Die Postsendung, die von Mitarbeitern des Stadtvorstandes geöffnet wurde, enthielt nach Angaben der Polizei eine weiße Substanz. Vier Menschen wurden vorsorglich zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus gebracht.

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