Bundesregierung hält Wachstum von 2 % weiterhin für möglich
Ökonomen: Abschwung dauert länger

Die Bundesregierung geht weiterhin davon aus, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um 2 % wachsen kann. Die meisten Ökonomen halten diese Prognose für Wunschdenken. Auch der private Konsum, bislang Hoffnungsträger für die Konjunktur im zweiten Halbjahr, könnte weiter enttäuschen.

bbl/huh DÜSSELDORF. Obwohl alle Frühindikatoren auf eine anhaltend trübe Konjunktur in Deutschland deuten, hält die Regierung an ihrer optimistischen Wachstumsprognose fest. Die gestern von Bundeswirtschaftsminister Werner Müller geäußerte Einschätzung, ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 2 % sei in diesem Jahr noch erreichbar, wird von den meisten Ökonomen allerdings nicht geteilt.

"Die Erwartungen des Bundeswirtschaftsministers stützen sich auf das Prinzip Hoffnung," urteilt Thomas Mayer, Chefvolkswirt von Goldman Sachs in Deutschland. "Mit etwas Glück erreichen wir in diesem Quartal ein Nullwachstum. Damit ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Wirtschaft im Gesamtjahr noch um 2 % wächst."

Selbst unter der Bedingung, dass die Wirtschaft im zweiten Quartal nicht stagniert, erwarten Bankvolkswirte für das Gesamtjahr ein wesentlich geringeres Wachstum als die Bundesregierung. "Auch wenn das Wachstum im zweiten Quartal 0,3 % beträgt, so müsste es sich in den darauf folgenden Quartalen auf jeweils 1 % beschleunigen, damit wir das Ziel der Bundesregierung erreichen. Dies ist kaum realisierbar", meint Lothar Hessler, Deutschland-Ökonom bei HSBC Trinkaus & Burkhardt in Düsseldorf.

Eine so deutliche Konjunkturerholung in der zweiten Jahreshälfte wie die Bundesregierung erwarten die Bankvolkswirte nicht. Die Ökonomen von Deutsche Bank Research rechnen mit einem beschleunigten Wachstum im dritten Quartal von 0,6 %, und von 0.9 % im vierten Quartal. Damit liegen sie am oberen Rand der Prognosen.

Auch das Bundesfinanzministerium geht nicht mehr von einer raschen Belebung der Konjunktur aus. Die aktuellen Wirtschaftsdaten "deuten mehrheitlich auf eine zunächst noch andauernde konjunkturelle Abschwächung hin", heißt es im jüngsten Monatsbericht der Behörde. Ähnlich rechnet auch der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) in Berlin nicht mit einem baldigen Ende des Abschwungs. "Die Lage ist schlechter als die Politik suggeriert", sagte Reinhard Kudiß, BDI-Konjunkturexperte. Die Talsohle des Abschwungs sei noch nicht erreicht. Die Konjunkturschwäche werde sich bis ins nächste Jahr fortsetzen. Eine Rezession, nach der das BIP in zwei aufeinander folgenden Quartalen abnimmt, schließen aber alle Experten aus.

Hoffnungsträger bleiben die privaten Haushalte. Sie könnten in der zweiten Jahreshälfte endlich von den Steuerentlastungen profitieren, wenn sich der Verbraucherpreisanstieg erwartungsgemäß abschwächt und real mehr verfügbares Einkommen in den Geldbörsen verbleibt. "Die Preissteigerungen werden zum Jahresende auslaufen, so dass die privaten Verbraucher entlastet werden", schätzt Andreas Scheuerle von der DGZ Bank. -Deka

Unterstützt wird diese Erwartung durch die jüngsten Preisdaten. Der Anstieg der deutschen Erzeugerpreise hat sich im Vorjahresvergleich im Mai auf 4,6 % von zuvor 5 % abgeschwächt. Auch die vorläufigen Verbraucherpreise für Juni aus sechs Bundesländern deuten auf nachlassenden Inflationsdruck hin. Die Inflation betrug in Deutschland stieg demnach 3,1 %.

Doch der Anstieg der privaten Konsumausgaben sei zunächst noch eine reine Hoffnung, meint Thomas Mayer. "Bislang ist die erwartete Steigerung der privaten Verbrauchsausgaben in den Indikatoren nicht ersichtlich. Lothar Hessler fügt hinzu: " Der private Verbrauch bleibt durch die verhaltene Entwicklung der Beschäftigung belastet."

Preisdruck könnte demnächst auch wieder von der Lohnseite drohen. Die Gewerkschaften zeigen sich zunehmend besorgt über die nachlassende Konjunktur. "Die Daten entwickeln sich nicht so wie erhofft", sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Hubertus Schmoldt. Dies sei bedauerlich, weil damit der Abbau der Arbeitslosigkeit schwieriger werde. "Wegen der Konjunkturentwicklung im Inland und im Export wird in der Tarifrunde 2002 die Binnennachfrage eine größere Rolle spielen", stellte der IG BCE-Chef eine offensive Tarifpolitik in Aussicht. Kritik übte Schmoldt an den jüngsten Appellen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Bundesregierung, die Gewerkschaften sollten sich bei den Tarifverhandlungen 2002 mäßigen. Solche Appelle seien kontraproduktiv, sagte er.

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