Bundesregierung in der Kritik
Kommentar: Volkszorn per Mausklick

Der Frust über die Maßnahmen der Bundesregierung schafft sich Luft per E-Mail: Kaum ein Tag, an dem nicht ein neuer Schröderwitz oder eine Karikatur im elektronischen Briefkasten klingelt.

HB BERLIN. Das Kanzlerlied des Stimmenimitators Elmar Brandt ertönte in den Computern ungezählter Mailempfänger. Ein Renner, der sich zurzeit täglich zehntausendfach per E-Brief multipliziert, ist schließlich die Aufforderung an die sich geprellt fühlenden Steuerzahler geworden, ihr "letztes Hemd" einzupacken und ins Bundeskanzleramt zu senden.

Offensichtlich hat die Zahl der Internetanschlüsse in Deutschland inzwischen die kritische Masse erreicht, die solche Kettenreaktionen ermöglicht. Und die Bürger haben darin eine Waffe gegen die Obrigkeit entdeckt: Nur ein paar Mausklicks, und jeder kann seinen Unmut über beliebig große Verteiler in die Welt schreien. Man ist sich jetzt wieder so nah wie auf dem zentralen Marktplatz in alten Zeiten, wo auch leicht Stimmung gemacht werden konnte.

Auf Seiten der Wirtschaft wäre es sträflicher Leichtsinn, anzunehmen, diese neue Erscheinung würde im Bedarfsfall vor ihr Halt machen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Bundesregierung ist durch Verfassung und Legislaturperiode geschützt. Ein Unternehmen dagegen, das sich in den Augen von Interessengruppen danebenbenimmt, ist ungleich empfindlicher und kann durch Kundenreaktionen sofort getroffen werden.

Zwar haben einige Unternehmen und ihre Berater schon Erfahrungen mit so genannten Hass-Seiten im Internet gesammelt, auf denen Stimmung gegen sie und ihre Produkte gemacht wird. Doch hier müssen die Besucher sich ihre Information noch selber abholen. Beim Protest per E-Mail-Austausch werden dagegen die Emotionen aktiv weiterbefördert. Und je nach Nährboden können sie sich dabei explosionsartig vermehren wie ein gefährlicher Keim.

Der Internetaufstand gegen den Bundeskanzler wird Nachahmer auf den Plan rufen, die damit eigene Ziele verfolgen wollen. Sie werden versuchen, professionell zu inszenieren, was sich im Fall Schröder mehr oder weniger spontan entwickelt hat: Witze in Umlauf bringen, ätzende Karikaturen oder entlarvende Fotos durchs Web jagen, eine Homepage bereitstellen und die Emotionen schließlich in eine Aktion einmünden zu lassen.

Heute kann kein Unternehmen mehr davon ausgehen, dass sein Tun - und sei es im hintersten Winkel eines Urwalds - verborgen bleibt. Wo Werte echt oder vermeintlich zerstört werden, sei es ein intakter Lebensraum im Dschungel oder die heile Welt eines Eingeborenenvolkes, kann die Strafaktion im Internet innerhalb von wenigen Stunden eingeleitet werden.

Einen perfekten Schutz vor derartigen Aktionen kann es nicht geben, zumal sie auch auf Falschmeldungen fußen können. Mehr denn je kommt es für Unternehmen aber darauf an, mögliche Vorwürfe, einschließlich solcher, die ihnen durch bewusste Fehlinterpretation angehängt werden können, aufzuspüren und unschädlich zu machen: Wer in einem Drittweltland produziert, muss eben damit rechnen, früher oder später auf Kinderarbeit angesprochen zu werden. Und wer Wahlversprechen bricht, braucht sich nicht zu wundern, wenn ihm Tausende von "letzten Hemden" ins Haus flattern.

Quelle: Handelsblatt

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