Bundesregierung stellt sich auf langen Kampf gegen Terror ein
Taliban stellen Bedingungen für Auslieferung

Bei den Gesprächen einer pakistanischen Regierungsdelegation in Afghanistan ist eine Auslieferung des mutmaßlichen Terroristenführers Osama bin Laden offenbar nicht rundweg abgelehnt worden. So wurde über Möglichkeiten beraten, unter welchen Bedingungen bin Laden in ein anderes Land als die USA ausgeliefert werden kann, wie am Dienstag aus pakistanischen Regierungskreisen verlautete.

rtr/dpa/ap/afp KABUL/ISLAMABAD/WASHINGTON. Zu den Bedingungen für eine Auslieferung in ein Drittland soll auch eine internationale Anerkennung des Taliban-Regimes in Kabul gehören. Außerdem verlangte die fundamentalistische Miliz, die seit 1996 den größten Teil Afghanistans unter ihre Herrschaft gebracht hat, eine Aufhebung der UN-Sanktionen. Entsprechende Überlegungen seien Gegenstand der Gespräche gewesen, die am Montag in der südafghanischen Stadt Kandahar geführt worden seien, hieß es in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Bisher haben die Taliban eine Auslieferung des Gesuchten unter Hinweis auf das islamische Gastrecht abgelehnt und von den USA Beweise für eine Verwicklung bin Ladens in die Terroranschläge verlangt.

Die pakistanische Delegation verlangte von den Taliban eine Auslieferung bin Ladens und erklärte, dass andernfalls mit einem US-Vergeltungsangriff auf Afghanistan gerechnet werden muss. Die Verhandlungen führten dem Vernehmen nach zu keinem abschließenden Ergebnis.

Am Dienstag sollte in Kabul der Rat der Geistlichen über eine Auslieferung bin Ladens beraten. "Es werde am Dienstag kein Treffen geben, sagte ein Sprecher der Taliban am Dienstag in Kabul. Die Deligierten aus mehreren Provinzen sind noch nicht da, erklärte Mullah Amir Chan Muttaki die Vertagung der Entscheidung über eine mögliche Auslieferung bin Ladens auf Mittwoch. Geistliche Führer aus allen Provinzen sollten in Kabul eine Fatwa, ein religiöses Gutachten, zu einer möglichen Auslieferung bin Ladens an die USA abgeben.

Unterdessen rief die Taliban-Führung die Bevölkerung und alle Moslems auf, sich auf einen Heiligen Krieg gegen die USA vorzubereiten. "Wenn Amerika unser Haus angreift, dann müssen alle Moslems, vor allem die Afghanen, einen Heiligen Krieg führen", erklärte Mullah Mohammed Hasan Achund bereits am Montag. Der Aufruf wurde am Dienstag von der amtlichen Nachrichtenagentur Bachtar verbreitet.

"Ich möchte unserem Volk sagen, dass der Heilige Krieg gegen die USA in aller Form wieder aufgenommen wird", sagte der stellvertretende Vorsitzende des Ministerrates, Mullah Mohammad Hasan Achond, im Taliban-Rundfunksender Schariat am späten Montagabend. Die Sendung wurde von dem britischen Sender BBC mitgeschnitten. Achond sagte dem Bericht zufolge, es sei undenkbar, dass die Terror-Anschläge auf das World Trade Center und das US-Verteidigungsministerium von der Taliban oder von Osama bin Laden ausgeführt worden seien. "Aber die USA und alle Imperialisten der Welt, die Juden und Christen und ihre Unterstützer haben unter diesem Vorwand die Absicht, die islamische Ordnung zu zerstören, die wir mit unserem Blute errichtet haben."

US-Präsident George W. Bush hatte den aus Saudi-Arabien stammenden Multimillionär als Hauptverdächtigen für die Terroranschläge in den USA benannt und mit Vergeltungsangriffen auch gegen Staaten gedroht, die ihn unterstützen. Bush sagte in Washington auf die Frage, ob er bin Laden tot sehen wolle: "Ich will Gerechtigkeit. Und es gibt ein altes Plakat im Westen, auf dem steht: "Tot oder lebendig'". Die Taliban würden zur Verantwortung gezogen, da sie Bin Laden unterstützt hätten. US-Außenminister Colin Powell sagte, alle Spuren der Ermittlungen deuteten auf Bin Laden und seine Organisation "El Kaeda" hin. Er forderte die Taliban auf, den Islamisten auszuliefern.

Flüchtlingshilfswerk bereitet sich auf Versorgung Zehntausender vor

Das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR bereitete sich auf die Versorgung Zehntausender Afghanen vor, die ihr Land verlassen wollen. Iran schloss seine Grenzen und will Flüchtlingslager nur auf afghanischem Gebiet zulassen. Augenzeugen berichteten, selbst Angehörige der Taliban-Regierung verließen die Hauptstadt Kabul. UNHCR-Chef Ruud Lubbers appellierte an die USA, die humanitären Konsequenzen eines möglichen Vergeltungsschlags gegen Afghanistan genau abzuwägen.

Beim Besuch einer Moschee in Washington rief US-Präsident Bush derweil dazu auf, Amerikaner moslemischen Glaubens auch nach den Anschlägen mit Respekt zu behandeln. Millionen moslemische US-Bürger hätten einen wertvollen Beitrag für das Land geleistet. Islamische Gruppen in den USA hatten berichtet, es habe nach den Anschlägen zahlreiche Drohungen und Übergriffe auf Moslems gegeben.

In New York, wo die Attentäter mit zwei Passagierflugzeugen die rund 400 Meter hohen Türme des World Trade Center zum Einsturz gebracht hatten, suchten die Helfer weiter nach Überlebenden. Die Zahl der befürchteten Todesopfer ist offenbar höher als bisher angenommen. Bürgermeister Rudolph Giuliani sagte am Montagabend, insgesamt würden 5 422 Menschen vermisst. Aus den Trümmern wurden nach seinen Angaben bislang 201 Tote geborgen. Die Zahl der vermissten Deutschen betrug am Montag nach Angaben des Auswärtigen Amtes 178. Eine Ministeriumssprecherin betonte jedoch, dies sei eine vorläufige Zahl. Das US-Außenministerium teilte mit, in New York würden Menschen aus 62 Staaten vermisst. Dabei handelt es sich den Angaben zufolge unter anderem um 400 Niederländer, 200 bis 300 Briten, 250 Inder, 200 Kolumbianer und 20 Israelis. Bei dem Absturz des Verkehrsflugzeugs auf das Pentagon kamen 188 Menschen ums Leben. Geborgen wurden bislang 97 Todesopfer, elf von ihnen wurden identifiziert. Weitere 44 Menschen riss der Absturz eines Flugzeugs im Staat Pennsylvania in den Tod.

Bundesregierung bereitet sich auf langen Einsatz vor

Die Bundesregierung bereitet sich auf einen langen Einsatz im Kampf gegen die Urheber der Terroranschläge auf die USA vor. "Wir haben eine sehr bittere Zeit vor uns", sagte Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) am Montagabend im ZDF. Am Dienstag fliegt Fischer nach Washington, wo er nach Angaben seines Ministeriums am Mittwoch zu Gesprächen mit der US-Regierung zusammenkommen werde. Am Donnerstag will der Minister nach New York weiterfliegen, wo am 11. September die verheerenden Terroranschläge auf das World Trade Center verübt worden waren. "Das Engagement wird ein langfristiges sein", sagte Fischer. Es setze sich aus einer militärischen, einer politischen und einer kulturellen Komponente zusammen. Eine mögliche Anforderung von Bundeswehrtruppen werde sowohl bilateral als auch auf Nato-Ebene an Deutschland gerichtet. "Nicht der Islam ist unser Feind, sondern der Terrorismus, der auch vor Massenmord nicht zurückschreckt", betonte der Außenminister. "Einen Krieg der Zivilisationen dürfen wir nicht zulassen." Fischer sagte: "Es wird nichts Überraschendes geben."

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