Bundestagswahl 2002
Handelsblatt exklusiv: Stimmen aus der Wirtschaft zur Wahl

Die Wirtschaftsführer schreiben der künftigen Regierung klare Aufgaben ins Stammbuch. Eine große Koalition lehnen sie ab.

Helmut Panke, Vorstandsvorsitzender der BMW Group:
Von der neuen Regierung erwarten wir den Willen, gegen alle Bedenkenträger mit einem klaren Ziel zu handeln. Dieses Ziel heißt: In Deutschland müssen die wettbewerbsfähigsten Industrien und Betriebe zu Hause sein. Ich kann nur für die Automobilindustrie sprechen. Hier gilt: Um das hohe Innovationstempo halten zu können, und das müssen wir, brauchen wir ein attraktives Umfeld für Investitionen, eine sich für technologische Spitzenleistungen begeisternde Gesellschaft und als Fundament eine realitätsbezogene Bildungspolitik.

Klaus-Peter Müller, Vorstandssprecher der Commerzbank AG:
Der Wahlsieg von SPD und Grünen war nach den jüngeren Umfragen keine Überraschung mehr. Jetzt müssen vor allem Wachstum und Beschäftigung gefördert werden. Dies heißt 1.die Senkung der Staatsausgaben, 2. die Senkung der Lohnnebenkosten durch weitere Reformen in den Sozialversicherungen-auch hier brauchen wir mehr Eigenverantwortung und Eigenvorsorge, damit der Staat sich auf die wirklich Bedürftigen konzentrieren kann. Wir brauchen 3. eine Deregulierung des Arbeitsmarktes, zum Beispiel bei Mitbestimmung und befristeter Beschäftigung. Und 4. die Fortsetzung der Steuersenkungen - dies ist wachstumsfördernd und bei einer entsprechenden Rücknahme der Staatstätigkeit keine Utopie. Die Bereitschaft, durchgreifende Reformen anzupacken, scheint mir gemäß den wirtschaftspolitischen Programmen von SPD und Grünen leider nicht sehr ausgeprägt zu sein. Besonders wichtig ist aber die Wiederherstellung eines vertrauensvollen Verhältnisses zu der von der Bundesregierung weniger in der Sache als vielmehr in Ton und Stil beleidigten US-Regierung.

Werner Wenning, Vorstandsvorsitzender der Bayer AG:
Ich hoffe, dass die Bestätigung der rot-grünen Bundesregierung im Amt dazu führt, dass Kanzler Gerhard Schröder und seine Mannschaft mit dem gleichen Elan wie vor vier Jahren starten und die notwendigen Reformen angehen. Allerdings darf es nicht wieder passieren, dass das Tempo lange vor Erreichen der Ziellinie deutlich reduziert wird. Ich wünsche Schröder und seinem künftigen Kabinett jedenfalls eine glückliche Hand bei der Lösung der anstehenden schwierigen Aufgaben. Sie müssen den Mut und den Willen zu Reformen aufbringen, die das Wirtschaftswachstum beschleunigen können.

Nikolaus Schweickart, Vorstandsvorsitzender Altana AG:
Ich bin sehr enttäuscht, dass es nicht zu einem Wechsel gekommen ist. Eine neue Regierung hätte die deutsche Wirtschaft aus ihrer Umklammerung befreien und einen Schub in Richtung Flexibilisierung und internationale Wettbewerbsfähigkeit geben können. Der Stillstand in wichtigen Fragen der Wirtschaftspolitik ist so leider nicht aufgehoben. Allerdings gehe ich davon aus, dass der internationale Wettbewerbsdruck letztlich doch nachhaltige Veränderung erzwingen wird. Von größter Bedeutung für die Wirtschaft wird es außerdem sein, schnellstmöglich die politischen Beziehungen zu den USA wieder zu verbessern. Der emotionale Schaden ist unermesslich. Es droht eine langfristige Beschädigung der Wirtschaftsbeziehungen. Damit würde auch der Investitionsstandort Deutschland unter Druck geraten. Ich kann Schröder und Fischer daher nur dringend raten, den nächsten Flug nach Washington zu buchen und das persönliche Gespräch mit der US-Regierung zu suchen.

Hubertus Erlen, Vorstandsvorsitzender der Schering AG:
Alle wissen, dass grundlegende Reformen zur Verbesserung der Wirtschaft notwendig sind. Dies hat die rot-grüne Regierung bisher nicht umgesetzt. Es ist zu hoffen, dass die künftige Koalition dies erkennt und korrigiert. Zur Pharmabranche: Die rot-grüne Regierung hatte den weiteren Ausbau bürokratischer Mechanismen im Gesundheitswesen angekündigt. Ich hoffe, dass von diesem Irrweg Abstand genommen wird zugunsten der Stärkung marktwirtschaftlicher Prozesse und der Eigenverantwortung der Patienten.

Jürgen Strube, BASF-Vorstandsvorsitzender:
Es ist zu früh, bereits jetzt die konkreten Auswirkungen der Bundestagswahl abzuschätzen. Die Aufgaben, die die Regierung zu bewältigen hat, sind die selben geblieben. Wir brauchen strukturelle Reformen in der Arbeitsmarkt-, Steuer- und Bildungspolitik. Deutschland wartet darauf, dass hier mehr geschieht. Die Bundesregierung muss nun handeln und die vorliegenden Konzepte entschlossen umsetzen. Besonders dringlich sind alle Maßnahmen, die der schleppenden Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt neuen Schwung verleihen. Hier darf es kein Abwarten mehr geben.

David Walton, Chefvolkswirt für Europa bei Goldman Sachs:
Die wirtschaftliche Leistung der Regierung war enttäuschend. Auch wenn sie Fortschritte bei Steuern und Renten bewirkte, schreckte sie komplett vor einer Reform des Arbeitsmarktes zurück. Die Schlüsselfrage ist nun, ob die Regierung die Wahl als einen Weckruf versteht. Die beste Hoffnung dafür ist das gute Ergebnis der Grünen: Sie haben ambitioniertere Reformziele und schon gezeigt, dass sie größeren Reformhunger haben. Fischer spielt eine Schlüsselrolle. Würde er sich mehr auf die Innenpolitik konzentrieren als in den vergangenen vier Jahren, könnte die Regierung es deutlich leichter haben, den Boden für strukturelle Reformen zu bereiten.

Fritz Vahrenholt, Vorstandschef des Windenergiespezialisten Repower AG:
Ich hätte mir ein deutlicheres Ergebnis gewünscht. Bei dieser dünnen Mehrheit besteht die Gefahr, dass die Politik von einigen wenigen Abgeordneten der Grünen abhängig wird. Wichtig ist daher für mich, dass die SPD als stärkste Fraktion nun auch die Möglichkeit hätte, eine Große Koalition unter einem Bundeskanzler Schröder anzubieten. Das wäre zwar einen Tag nach der Wahl und angesichts des Ergebnisses etwas zu viel verlangt, aber zumindest bleibt die Option. Zur Lösung der riesigen Probleme, die sich in Deutschland auftürmen, wäre eine Große Koalition die sinnvollere Alternative. Denn mit graduellen Reförmchen ist es nicht mehr getan. Schröder muss zum Elan seines zweiten Regierungsjahres zurückfinden und die großen Problemfelder schnell anpacken.

Prof. August-Wilhelm Scheer, Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender der IDS Scheer AG:
Ich hätte mir einen Wechsel gewünscht. Das Ergebnis ist eines der schlechtesten, das vorstellbar war. Der Wahlkampf war stark personalisiert und nun müssen die Personen zeigen, was sie können. Besonders Außenminister Fischer ist gefragt, die neuen Grünen-Abgeordneten zu disziplinieren. Es wird keinen großen Aufschrei in der Wirtschaft geben - man muss mit jeder demokratisch gewählten Partei leben können -, doch die Unternehmen werden ihre Konsequenzen ziehen, wenn die Reformen nicht kommen.

Stefan Pichler, Vorsitzender des Vorstandes der Thomas Cook AG:
Eine neue Regierung muss sich in ihren Entscheidungen vor allem daran orientieren, die Eigenverantwortung aller Bürger zu stärken, Wachstumsimpulse durch Flexibilität zu schaffen sowie Bildung und Innovation zu fördern. Die Forderungen der Touristikindustrie: Mobilität fördern, Steuergerechtigkeit für den Mittelstand schaffen, die Verkehrsinfrastruktur am Boden und in der Luft an das Wachstum anpassen und die bestehenden Beschränkungen im internationalen Dienstleistungshandel abbauen.

Roland Flach, Vorstandschef WCM:
Selbstverständlich habe ich den Wechsel gewählt. Die Wirtschaft braucht Stabilität und positive Zeichen. Das Abschneiden der FDP war enttäuschend. Ich glaube aber nicht, dass es an Herrn Möllemann gelegen hat. Ernsthafte FDP-Wähler lassen sich nicht von einer Einzelmeinung abhalten. Mir ist daher rätselhaft, warum die FDP so schlecht abgeschnitten hat.

Klaus-Peter Gushurst, Deutschlandchef Booz Allen Hamilton:
Die Wirtschaft braucht in den ersten 100 Tagen Signale - zum Beispiel beim Thema Steuerreform, das wäre psychologisch wichtig. Die niedrige Wahlbeteiligung hat mich überrascht.

Sebastian Turner, Vorstandsvorsitzender der Scholz and Friends AG:
Nur eines ist sicher: Wort des Jahres wird "Überhangmandat".

Christopher Pleister, Präsident des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken:
Der Winter wird hart. Deshalb hoffe ich, dass man sich schnell den Sachaufgaben zuwenden wird. Der Wahlausgang ist so zu werten, dass sich die Wähler für eine Große Koalition entschieden haben.

Werner Marnette, Vorstandsvorsitzernder Norddeutsche Affinerie:
Ich bin schon etwas enttäuscht, dass die FDP so schwach abgeschnitten hat und die Grünen so stark zugelegt haben. Wenn Rot-Grün wieder die Mehrheit stellen kann, stimmt mich das wirklich etwas traurig. Mit der Kombination CDU/CSU und FDP hätten wir hier den dringend notwendigen Wandel möglicherweise hinbekommen. Ich habe CDU gewählt.

Klaus Fricke, Fiat-Deutschlandchef:
Das Wahlergebnis macht eine baldige Konjunkturbelebung noch schwieriger. Deregulierung, Entbürokratisierung, Steuersenkungen und Flexibilisierung der Arbeitswelt sowie der Sozialsysteme ist für eine rot-grüne Koalition nur schwer machbar gegen die eigenen Wähler. Durch die Abkehr vom multimedialen Polit-Theater hin zur Sachpolitik muss das Vertrauensverhältnis und die Verlässlichkeit gegenüber den USA wieder glaubwürdig hergestellt werden.

Hans-Joachim Körber, Vorstandsvorsitzender der Metro AG:
Die Rückkehr Deutschlands auf den Wachstumspfad ist die wichtigste politische Aufgabe. Ganz oben stehen dabei: eine grundlegende Vereinfachung des Steuersystems, eine deutliche Senkung der Sozialabgaben, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und ein Abbau der Qualitätsdefizite im Bildungssektor.

Bernhard Mattes, Vorstandsvorsitzender der Kölner Ford-Werke
Die Mehrheitsverteilung ist am Ende unerheblich. Es muss ein Ruck durch Deutschland gehen, um die dringend nötigen Initiativen in Sachen Ausbildung, Beschäftigung und Wachstum zu starten. Besonders der deutsche Mittelstand muss gestärkt werden - das Herz unserer Wirtschaft.

Christiane zu Salm, Vorstandsvorsitzende der Euvia Media AG:
Das mit den Grünen und der FDP ist schon eine kleine Sensation. Die FDP hat ordentlich was auf die Mütze gekriegt - durch Möllemann. Das ist die Kehrseite der Personalisierung der Politik: Wenn eine Person in der Lage ist, ein ganzes Parteiprogramm zu desavouieren, ist das eine schlechte Nachricht. Die Grünen haben davon profitiert, das ist kein Verdienst. Aber Joschka Fischer hat eine gute Figur gemacht als Außenminister, deswegen: Das ist okay.

Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen-Weltwirtschafts-Archiv (HWWA), Hamburg:
Eine große Koalition wäre wirtschaftspolitisch das Schlimmste, was uns passieren kann. Reformen mit Ecken und Kanten kann man nicht an runden Tischen machen.

Erwin Staudt, Vorsitzender Geschäftsführung der IBM Deutschland:
Der Wähler hat gesprochen, doch was hat er gewollt? Wer jetzt führt, muss modernisieren. Wir werden auch in vier Jahren noch über vier Millionen Arbeitslose reden, wenn das Problem weiter mit kurzfristigen Konjunkturstrohfeuern bekämpft würde.

Bernd M. Michael, Europachef Grey:
Zunächst freue ich mich über die klare Veränderung zu Gunsten der Wirtschaft. Es ist knapp. Daher werde ich heute Abend fernsehen und jedes Überhangmandat der CDU beklatschen. Am meisten freut mich, dass die Wähler wirtschaftsnäher geworden sind. Nach den ersten Einzelauswertungen sieht man, dass sogar die Arbeiter den Sozialdemokraten den Rücken gekehrt haben. Das finde ich gut.

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