Bundestagswahl
Analyse: Die PDS versinkt in der Flut

Seit Tagen steht die politische Heimat der PDS unter Wasser, aber vom "Anwalt des Ostens" ist nichts zu sehen und nichts zu hören. Wenn die Menschen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern überhaupt noch von irgendeiner Seite politische Hilfe erwarten, dann am ehesten vom Bund und der Bundesregierung.

Die größte und finanzstärkste Körperschaft gilt vielen als letzte Hoffnung - von den mittellosen Landesregierungen der neuen Länder erwartet man sich entlang der Elbe eher wenig.

Im Rampenlicht steht Bundeskanzler Gerhard Schröder als zupackender Krisenmanager, flankiert von den jeweiligen Ministerpräsidenten. Diese eilen in Gummistiefeln von Deich zu Deich, muntern die Helfer auf, spenden den Opfern Trost und geben den Medien Interviews - auch das gehört in solchen Zeiten zur Rolle eines unermüdlichen Landesvaters.

Die PDS aber scheint in den schlammigen Fluten des Jahrhunderthochwassers vollständig versunken zu sein. Hilflos stolpern ihre örtlichen Vertreter hinter der eingeflogenen Politikprominenz her oder versuchen, sich kameragerecht mit ins Bild zu drängen. Aber weder die Medien noch die Menschen wollen etwas von den SED-Nachfolgern wissen. Die PDS als zweitstärkste politische Kraft der neuen Länder spielt keine Rolle in der Stunde der Not. Da hilft der "Volkspartei des Ostens" auch ihre gute lokale Vernetzung wenig.

Binnen weniger Wochen ist die Flut für die PDS der zweite politische Schlag nach dem unrühmlichen Ausscheiden ihres Vielfliegers Gregor Gysi. Mit dem redegewandten Advokaten hat die von einer blassen Funktionärsriege geführte Partei nicht nur ihr einziges Medientalent verloren. Mit Gysi ist auch die letzte Hoffnung zerstoben, im Westen die Stimmen enttäuschter Grüner oder heimatloser Linker einsammeln zu können. Was Gysis Privilegienmissbrauch gerade im Osten bei einer Klientel bewirkt, die sich vom Rechtsstaat betrogen und vom Kapitalismus besiegt glaubt, deutet sich bereits in den Umfragen an. Die ohnehin wackelige Ausgangsposition der PDS bei fünf Prozent wird zusehends schwächer - die meisten Demoskopen sehen die SED-Nachfolger bereits bei nur noch vier Prozent. Der aktuelle Totalausfall der PDS beim Hochwasser wird den Abwärtstrend noch verstärken.

Mehr denn je klammern sich die roten Strategen deshalb an die Hoffnung, wenigstens drei Direktmandate gewinnen und auf diese Weise in den nächsten Bundestag einziehen zu können. Nach dem Neuzuschnitt der Wahlkreise in Berlin gelten aber nur noch zwei Stimmbezirke im früheren Ostteil der Stadt als sicher. Den dritten will die PDS in Halle holen, wo sie sich jedoch starker Konkurrenz erwehren muss.

SPD und Grüne verfolgen den Überlebenskampf der linken Konkurrenz mit gemischten Gefühlen. Verpasst die PDS ihre Rückkehr in den Bundestag, droht ihr ohne Führungsfigur und bundesweite Verankerung schon wegen Überalterung der Mitgliedschaft eine schwindende Restexistenz zwischen Ostsee und Erzgebirge. Die Freude von SPD und Grünen über das Ausscheiden des roten Wettbewerbers wäre aber arg getrübt: Kehrt die PDS nämlich nicht in den Bundestag zurück, gilt es wegen der Stimmenverteilung als sicher, dass die Wahl entschieden ist - im Sinne von Edmund Stoiber.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter
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