Bundesverteidigungsminister in Washington
Scharping wirbt in den USA für die Nato

Zum Schluss erzählt Rudolf Scharping seine Geschichte vom 11. September. "Als ich im Fernsehen sah, wie die erste Maschine ins World Trade Center flog, dachte ich noch, es würde irgendwo ein neuer Film gedreht", sagt der Verteidigungsminister.

WASHINGTON. Doch beim Crash des zweiten Flugzeuges sei er sich über das Ausmaß der Katastrophe im Klaren gewesen. Kurz danach habe er mit dem Kanzler und dem Außenminister "innerhalb von fünf Minuten" über die Anwendung des Artikels 5 im Nato-Vertrag entschieden. "Unsere gemeinsamen Werte und unsere demokratischen Wurzeln standen auf dem Spiel", betont Scharping nach einem Vortrag im American Enterprise Institute, einem einflussreichen Think-Tank in Washington.

Auf seiner fünftägigen USA-Reise rührt der Minister kräftig die Werbe-Trommel für das transatlantische Bündnis. Ob im östlichen Mittelmeer, am Horn vom Afrika oder in Afghanistan: Die Nato sei ein fester Bestandteil im weltweiten Anti-Terror-Krieg. "Die Tage, an denen Amerika als unverwundbar galt, sind für immer vorbei", unterstreicht Scharping. Bei seinen Gesprächen mit Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, Vize-Außenminister Richard Armitage und Kongress-Abgeordneten sei er mit seiner Botschaft auf offene Ohren gestoßen. Dies gelte auch für den Vorschlag, im Nahen Osten neben den USA auch die Europäer, Russland und die Uno ins Spiel zu bringen.

In einer Stellungnahme des US-Außenministeriums wird Deutschland zwar als "alter Freund" und "wahrer Nato-Verbündeter" gelobt. Doch Experten sehen dies eher skeptisch. "Das sind Lippenbekenntnisse der Regierung", meint der Deutschland-Kenner Gerry Livingston aus Washington. "Bei großen Vorhaben wie dem Afghanistan-Krieg werden die Amerikaner nach wie vor alleine handeln." Dann gelte die Doktrin von Rumsfeld, dass im Zweifelsfall die "Mission die Koalition definiert - nicht umgekehrt".

Auch James Lindsay von der Brookings Institution, einem konservativen Think-Tank, bezeichnet den deutschen Militär-Beitrag als "symbolisch wichtig". In der Substanz sei er aber "nicht entscheidend". Insgesamt hat die Bundeswehr rund 10 500 Soldaten im Ausland stationiert. 1 200 davon befinden sich am Horn von Afrika, wo die Amerikaner gerne eine Marine-Einsatzgruppe unter deutscher Führung hätten. In der nächsten Woche solle die Entscheidung hierüber fallen, heißt es im Bundesverteidigungsministerium.

Trotz des neuen weltweiten Engagements der Bundeswehr warnen einige Fachleute vor einer Entfremdung im transatlantischen Verhältnis. Die Bundesregierung sei gegenüber Washington von einer "uneingeschränkten" zu einer "kritischen Solidarität" umgeschwenkt, sagt Jeff Gedmin, Direktor des Aspen-Instituts in Berlin. "In Europa hat sich nach Ende des Kalten Krieges die Meinung durchgesetzt, weniger abhängig von den USA zu sein", so Gedmin. "In der US-Administration gibt es nun Stimmen, die sagen: Gut, dann brauchen wir die Europäer auch nicht und verbünden uns im Zweifelsfall mit den Briten, Türken oder den Golfstaaten."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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