Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan: US-Experten sprechen von der Überschreitung einer „historischen Schwelle“
Washington redet Berlins Beitrag klein

Zwar sehen die USA den deutschen Militär-Beitrag nicht als Auftakt für ein breites Engagement in Afghanistan. Doch wird in Washington registriert, dass Berlin in der Welt eine bedeutendere Rolle spielen will.

WASHINGTON. Trotz der US-Anforderung von Bundeswehrsoldaten gehen Experten nicht von einer breiten deutschen Beteiligung am Krieg in Afghanistan aus. "Die Amerikaner haben selbst genug Probleme, ihre Einheiten rein- und rauszufliegen", sagte Gebhard Schweigler vom National War College in Washington, einer Elite-Universität für zukünftige Generäle. "Die militärischen Kernoperationen bleiben fest in amerikanischer und britischer Hand."

Der Einsatz von Bundeswehr-Kräften in Afghanistan sei eher "flankierender Natur", erklärte ein hoher Beamter des US-Verteidigungsministeriums gegenüber dem Handelsblatt. Im gleichen Sinne sei die Entsendung von türkischen Spezialeinheiten zur Ausbildung der oppositionellen Nordallianz zu verstehen. Dies könnte sich aber bald ändern, zumindest was die zahlenmäßige Präsenz angeht. Nach Pentagon-Angaben ist eine stärkere Beteiligung ausländischer Kräfte denkbar, sobald die USA drei Flughäfen in der früheren Sowjetrepublik Tadschikistan repariert hätten.

Die Amerikaner legen vor allem hohen Wert auf psychologische Rückendeckung. "Wir schätzen die Solidarität Deutschlands, sich auf der Grundlage von Artikel 5 des Nato-Vertrages dem Kampf gegen den Terror anzuschließen", betonte Außenamtssprecher Peter Becskehacy in Washington. Nach der Einschätzung von Außenpolitik-Experten geht der Militärbeitrag der Bundesregierung jedoch tiefer. "Zwar schlug die Debatte in Deutschland wesentlich höhere Wellen als im transatlantischen Meinungsaustausch", sagte Jeffrey Gedmin vom American Enterprise Institute, einem angesehenen Think-Tank in Washington. "Aber in der amerikanischen Regierung wurde genau registriert, dass Berlin eine wichtige Rolle in Europa und in der Welt spielen will." Mit der militärischen Unterstützung in Afghanistan sei eine "historische Schwelle" in Deutschland überschritten worden.

Nach Ansicht des SPD-Verteidigungsexperten Egon Bahr sind die USA nicht auf deutsche Unterstützung angewiesen. "Sie wollen politisch eine Verbreiterung der militärischen Allianz", erklärte er dem Handelsblatt.

In einer breiten Public-Relations-Kampagne versucht US-Präsident George W. Bush, den internationalen Schulterschluss weiter zu festigen. So traf er gestern Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac und den serbischen Premierminister Zoran Djindjic. Heute ist der britische Premier Tony Blair zu Gast. In der nächsten Woche legt der russische Präsident Wladimir Putin einen Kurzbesuch auf Bushs Ranch in Crawford ein. Der Chef des Weißen Hauses verglich gestern das Terror-Netzwerk von Osama bin Laden sowie die Taliban-Regierung mit den kommunistischen Regimes des Eisernen Vorhangs. "Heute wird unsere Freiheit abermals bedroht", unterstrich Bush, der bei einer Konferenz von 20 osteuropäischen Staats- und Regierungschefs in Warschau per Satelliten-Übertragung zugeschaltet war. "Wie einst die totalitären Systeme versuchen diese Terroristen - El Kaida, das Taliban-Regime sowie andere Terrorgruppen auf der ganzen Welt - ihre radikalen Ansichten mit Drohungen und Gewalt durchzusetzen."

Bislang konnten die Amerikaner allerdings trotz der seit über 30 Tagen andauernden Luftangriffe keine entscheidenden Fortschritte am Boden erzielen. "Dies liegt in erster Linie daran, dass die Geheimdienste nicht allzu gut über die Militärstellungen der Taliban-Regierung sowie die Aufenthaltsorte der Terroristen informiert waren", meinte Gebhard Schweigler vom National War College in Washington. So hätten US-Kräfte bei ihrer Kommando-Operation gegen den Talibanführer Mohammed Omar am 20. Oktober außer einigen Informationen nichts in die Hände bekommen.

Ungeachtet des schleppenden Kriegsverlaufs wollen die Amerikaner an ihrer Strategie festhalten. Das erste Ziel bestehe in der Ausschaltung der gegnerischen Luftwaffe. Danach würden "behutsame Bodenoperationen" folgen. Dies sei vor allem Aufgabe der Nordallianz. Die US-Militärplaner haben damit zu kämpfen, dass sich die Taliban-Truppen zunehmend hinter zivilen Zielen wie Moscheen, Krankenhäusern und Schulen verschanzen. "Die Taliban werden jeden Tag schlauer", erklärte ein Verteidigungsspezialist im Pentagon. "Die wissen genau, was wir nicht bombardieren wollen. Und, flugs, sind sie dort."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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