Bundesweiter Aktionstag Börse an sieben deutschen Universitäten
Interesse der Anleger an Aktien bleibt hoch

Trotz unsicherer Börsenlage und der Kurseinbußen in den letzten Monaten haben sich viele Anleger nicht vom Aktienmarkt abgewendet. Ihre Nachfragen zum Thema Geldanlage sind allerdings kritischer geworden.

FRANKFURT/M. "Die meisten Kunden achten zunehmend auf Rendite", sagte ein Banker, der an der Goethe-Universität in Frankfurt Broschüren verteilte, "einige Anleger haben von der Börse die Nase voll - aber das Gros ist nach wie vor an Aktien interessiert." So strömten denn auch trotz Nieselregen und Wochenende Tausende privater Investoren zum Aktionstag Börse, den die Börsenvereine an deutschen Hochschulen (BVH) in Cottbus, Dresden, Frankfurt/Main, Leipzig, München, Münster und Stuttgart veranstalteten.

Wie die Fragen der Anleger bei den Vorträgen zeigten, waren viele keine Börsenneulinge. Wissenschaftlich anspruchsvolle Vorträge etwa über Irrationalitäten auf den Aktienmärkten stießen in Frankfurt auf hohes Interesse. "Manchmal steigt eine Aktie, obwohl das Unternehmen schlechte Zahlen vorgelegt hat, manchmal fällt sie, obwohl die Zahlen gut waren - oder es gibt Kursausschläge ohne spezielle Nachrichten", beschrieb Burkhard Pahnke, früher beim Deutschen Aktieninstitut tätig, das Börsengeschehen.

Wer allerdings auf Sicht von mehreren Jahren investiere, brauche vor diesen Bewegungen keine Angst zu haben, forderte er zur langfristigen Aktienanlage auf. Nützlich sei es, sich gewisse Verhaltensweisen am Aktienmarkt bewusst zu machen: Da Informationen von den Marktteilnehmern verzerrt wahrgenommen würden, passten sich Kurse neuen Nachrichten oft verzögert an.

Opfer des Herdentriebs

Überraschende Ereignisse wie die Terroranschläge im September dagegen führten schnell zu Überreaktionen am Aktienmarkt, die sich nach einiger Zeit wieder normalisierten. Anleger neigten darüber hinaus dazu, ihr Wissen über einzelne Aktien zu überschätzen oder sich mit der Herde blind mitzubewegen. Viele erlitten Verluste, weil sie Gewinneraktien zu früh und Verliereraktien zu spät verkauften. Analystenurteile böten dagegen keinen Schutz vor kurzfristig schwer vorhersagbaren Kursbewegungen, warnte Pahnke. Denn auch Analysten unterlägen als Marktteilnehmer diesen Irrationalitäten. Wer in Einzeltitel investiere, solle sich fundierte Kenntnisse über die jeweilige Aktie aneignen, um eventuelle Kursübertreibungen erkennen zu können. Allen anderen Anlegern riet Pahnke zu Aktienfonds.

Leitlinien für die eigene Anlage können auch bestimmte Investmentstile geben, referierte Christian Schneider, der für den DIT, die Fondstochter der Dresdner Bank, den Value-Fonds Vermögensbildung Global managt. Bei dem so genannten Value-Ansatz investieren Anleger in billige Aktien, die sie für unterbewertet halten (Substanzwerte). Beim Growth-Ansatz mit Wachstumstiteln dagegen konzentriert sich der Investor auf Unternehmen, bei denen er sich hohe und langfristige Gewinnsteigerungen verspricht. Diese Aktien müssten erst in eine hohe Bewertung hineinwachsen. Allerdings schlössen sich beide Stile nicht gegenseitig aus, sagt Schneider.

Startegiemix vorgeschlagen

So plädiert denn auch Susanne Otto, Geschäftsführerin von J.P. Morgan Fleming Asset Management in Frankfurt, für einen Mix beider Strategien. Anleger könnten damit Renditen erzielen, die deutlich über dem Marktdurchschnitt lägen. Dazu könnten sie einen Teil des Depots - etwa 30 Prozent - mit den preiswertesten Substanztiteln füllen, weitere 30 Prozent mit den vielversprechendsten Wachstumstiteln. Die Substanztitel sollten sie nach den niedrigsten Kurs-Gewinn-Verhältnissen aussuchen, Wachstumstitel zum Beispiel nach dem Gewinnwachstum je Aktie. Otto zufolge verfährt J.P. Morgan Fleming bei den europäischen Aktienfonds nach einem ähnlichen Strategiemix. Für Privatanleger biete sich auch die Strategie an, 50 Prozent des Depots in Value-Fonds und 50 Prozent in Growth-Fonds zu stecken.

Zwar seien die Renditechancen bei langfristiger Aktienanlage nicht zu leugnen, der Anlegerschutz in Deutschland weise aber große Lücken auf, sagte Reinhild Keitel, Vorstandsmitglied bei der Münchener Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre e.V. Das 4. Finanzmarktförderungsgesetz, das vermutlich Mitte 2002 verabschiedet werde, sehe zwar vor, dass Unternehmensorgane Aktienverkäufe unverzüglich mitteilten müssen - aber erst nach der Veräußerung. Außerdem müsste das Recht auf individuelle Schadensersatzforderungen für Anleger im Aktiengesetz sowie im Börsengesetz verankert werden. Auch sollten Sammelklagen von Anlegern möglich sein. Keitel: "In Sachen Anlegerschutz können wir von den Amerikanern noch einiges lernen."

Quelle: Heike Herbertz
Petra Hoffknecht
Handelsblatt / Redakteurin
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