Bundeswirtschaftsminister Clement erwägt, die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure durch eine unverbindliche Preisempfehlung zu ersetzen.
Feste Preise für Bauleistungen drohen zu zerbröseln

Im Kampf gegen die Bürokratie will Bundeswirtschaftsminister Clement auch die Honorarordnung der Architekten und Ingenieure (HOAI) abschaffen. Die Ingenieure aus der Baubranche fürchten eine weitere Preisspirale nach unten. Doch die Preisverordnung gilt schon lange als überholt.

BERLIN. Joachim Brenncke schlägt sich wacker durch: Seit der Wende ist er selbstständiger Architekt in Schwerin. Der Branchenkrise zum Trotz hat sein Büro mit zehn Mitarbeitern ausreichend Arbeit, weil Brenncke sich auf Gebäudesanierungen spezialisiert hat. "Wir werden auch das siebte Jahr der Krise am Bau gut überstehen", sagt er.

Als größte Gefahr für sein Büro sieht Brenncke heute nicht mehr die schlechte Baukonjunktur, sondern die jüngsten Pläne von Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement. Der will die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure, kurz HOAI, abschaffen. Nach dieser Gebührenordnung rechnen Architekten und Ingenieure ihre Leistungen am Bau überwiegend ab. Die HOAI ermittelt das Honorar als Anteil der Baukosten (8 bis 15 %); dabei unterscheidet sie zwischen verschiedenen Leistungsphasen - von der Grundlagenermittlung bis zur Objektbetreuung. Gegen ihre Abschaffung protestieren Bundesarchitektenkammer (BAK) und Bundesingenieurkammer gleichermaßen heftig. Zwar räumt Brenncke, der auch Vizepräsident der BAK ist, ein, die 1977 eingeführte HOAI könne ein "Facelifting" gut gebrauchen. Sie sei jedoch keine beschäftigungsfeindliche, überflüssige Bürokratie.

Genau das prüft jedoch die Projektgruppe "Bürokratieabbau" des Wirtschaftsministers. "Wir untersuchen, ob eine Honorarordnung für diese Branche dem öffentlichen Interesse entspricht", sagt ein Sprecher im Bundeswirtschaftministerium. Den Stand der Überlegungen will er nicht kommentieren. Die HOAI sei aber die einzige Honorarordnung, die untersucht werde. Die Gebührenordnungen für Anwälte, Ärzte und Steuerberater stünden "derzeit nicht in Frage". Warum, will er nicht sagen.

Anstelle der HOAI schwebe Clement ein Leistungskatalog mit unverbindlichen Preisempfehlungen vor, ist aus der Immobilienbranche zu hören. Die organisierten Architekten und Ingenieure halten das für den falschen Ansatz. So fürchtet auch die Bundesingenieurkammer, dass die Abschaffung der Preisverordnung die ohnehin für viele Architektenbüros bedrohliche Preisspirale nochmals nach unten beschleunigen könne. Schon jetzt geht es der Branche schlecht, sinken doch die Investitionen für Bauleistungen nach Angaben des Statistischen Bundesamts seit Jahren.

Auch wenn die Architekten sie als die beste Alternative betrachten, ihren ursprünglich wesentlichen Zweck erfüllt die HOAI nicht mehr. Als die Gebührenordnung eingeführt wurde, sollte sie den damals explodierenden Baukosten eine Grenze nach oben setzen. Heute dient die Verordnung in den Verhandlungen zwischen Architekten und Bauherren kaum noch als Honorarobergrenze für die Architekten, sondern meistens als Honoraruntergrenze.

In der Immobilienbranche ist das Regelwerk umstritten, auch wenn weder der Bundesverband Freier Wohnungsunternehmen (BFW) noch der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie die Pläne Clements offiziell kommentieren wollen. Ein Sprecher des BFW sagt nur, Preisverordnungen seien nicht mehr zeitgemäß. In Kreisen beider Verbände zeigt man einen entscheidenden Makel der HOAI auf: Weil sich das Honorar der Architekten nach der Höhe der Baukosten richte, ermutige sie Architekten nicht gerade zur kostenbewussten Planung.

"Gegen eine Loslösung des Honorars von den Baukosten würden wir uns nicht wehren", sagt Brenncke. Auch die Ermittlung der Baukosten, die zur Zeit für den Bauherrn kaum nachvollziehbar ist, müsse vereinfacht werden. Keinesfalls aber dürfe der Staat die Architekten ganz dem freien Preiswettbewerb aussetzen. Der BAK-Vize schlägt deswegen eine gesetzliche Honorarordnung vor, die sich nicht an den Baukosten orientiert sondern an gewissen Leistungen. Die zu definieren dürfte freilich nicht einfach sein - handelt es sich bei der Planung eines Daches doch manchmal um das Dach einer Laube oder das einer Sporthalle.

Wesentliches Argument für eine Honorarordnung ist nach Meinung der organisierten Architekten und Ingenieure aber, dass sie dem Verbraucherschutz diene. Denn Mindestpreise und ein Leistungskatalog setzten dem Pfusch am Bau Grenzen. Die Qualität der gebauten Umwelt zu erhalten sehen sie als eine gesellschaftliche Notwendigkeit an.

Ein noch von Clements Vorgänger Werner Müller in Auftrag gegebenes Gutachten kommt allerdings nicht eindeutig zu dem Schluss, dass die HOAI die Qualität am Bau erhalte. Obendrein gilt der Leistungskatalog der HOAI als überholt. Dies moniert auch der Bundesgerichtshof seit Jahren, der immer wieder Architektenverträge kritisiert, deren Inhalte längst nichts mehr mit der Realität übereinstimmen. Ärger könnte auch von Seiten der Brüsseler Wettbewerbsbehörde auf deutsche Architekten zukommen. Die HOAI bietet ihnen in der EU eine Sonderstellung. Außer Deutschland gewährt in Europa nur noch Griechenland diesen besonderen Schutz.

Quelle: Handelsblatt

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