Bush-Besuch
Hallo Fremder

Für George W. Bush dürfte sein Deutschland-Besuch nicht mehr sein als eine Formsache. Die Proteste auf den Straßen interessieren ihn vermutlich ebensowenig wie die Höflichkeitsfloskeln der deutschen Politiker - egal ob sie nun Schröder oder Stoiber heißen.

Deutschland gehört für Bush eben nicht zu den wichtigsten Verbündeten der USA. Ein Präsident, für den das nationale Interesse oberste Prorität hat, sucht sich seine Partner nach der Zweckmäßigkeit aus und nicht aus alter Freundschaft.

Die Bush-Visite und die Reaktionen darauf zeigen jedoch weit mehr: Europa und Amerika haben sich auseinander gelebt. Viele Amerikaner blicken mit großer Sorge auf einen ihrer Meinung nach wachsenden Anti-Semitismus in Europa und fragen insbesondere die Deutschen, warum so viele Terroristen dort ihre Lager aufschlagen konnten. Die Europäer und vor allem die Deutschen sind erschrocken von dem Säbelrasseln der Amerikaner auf der Weltbühne. Unkenntnis auf beiden Seiten führt zu dumpfen Anti-Amerikanismus hier und antieuropäischen Stimmungen dort.

Das Schlimme an der schleichenden Entfremdung ist, dass sie von den Politikern beider Parteien in Deutschland gar nicht wahrgenommen wird. Bundeskanzler Schröder überspielt die transatlantischen Differenzen einfach, sein Herausforderer Stoiber nutzt sie als bloße Wahlkampfmunition. Eine Vorstellung davon, welche Rolle Deutschland als Verbündeter der USA spielen kann und will, haben sie nicht. Ebensowenig übrigens hat die Bush-Regierung eine brauchbare Europa-Politik entwickelt, geschweige denn die Bedeutung des Alten Kontinents für ihre eigenen Interessen erkannt. Wer die Welt nur in Gut und Böse einteilt, schafft sich viele Gegner, einige Untergebene und nur wenig Freunde.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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