Bush im Bundestag
Kommentar: Werte setzen

In der Beredsamkeit sah der römische Staatsmann Marcus Tullius Cicero eine "seelenbeugende Kunst". Mit den richtigen Worten lassen sich Stimmungen wenden und Bindungen bestärken. Sie können einen Nerv treffen oder das Herz berühren. Ohne gemeinsame Begriffe aber redet man schlicht aneinander vorbei. Die Amerikaner waren sich vor dem Berlin-Besuch von George Bush dieser Gefahr bewusst. US-Außenminister Colin Powell sprach in einem Zeitungsinterview von einer amerikanischen Rhetorik, die "manchen quält" in Europa. Die "Achse des Bösen", der "Krieg gegen den Terror", die "Feinde der Freiheit" - das alles sind Begriffe, die unserer politischen Klasse im Alltagsgeschäft nicht über die Lippen kommen wollen. In ihrer biblischen Schlichtheit, in ihrer aufgeladenen Bildhaftigkeit erscheinen sie vielen Europäern als gefährlich unzeitgemäß.

Bei seiner gestrigen Rede im Bundestag hat George Bush den Deutschen die Qual des als fremd empfundenen Begriffs dennoch nicht erspart. Und wie wir glauben: ganz bewusst. Der Präsident sprach unter der Reichstagskuppel über Werte und Ideale, über gemeinsame Wahrheiten und Traditionen. Aus dem Begriffskanon unserer außenpolitischen Debatten, aus dem technokratischen Jargon der zeitgeistig auf- und ironisch abgeklärten Parlamentsdebatten kennt man das in Deutschland nicht mehr. Hier aber trat gestern jemand an, der in seiner insgesamt eher kurzen Rede immer wieder auf eine zentrale Idee zurückkam: Europa und die Vereinigten Staaten teilen die gleichen Werte, auch wenn sie mit verschiedenen Worten darüber sprechen mögen.

Natürlich gab es einen harten politischen Kern in der Rede des Präsidenten: Anders als viele Europäer begreift Bush den internationalen Terrorismus als eine "strategische Herausforderung", vergleichbar mit dem Kampf gegen das Hitler-Regime und den Kommunismus. Viele Amerikaner empfinden den 11. September, wie Bush zu Recht betonte, als "Bruch in ihrer Geschichte". Die Deutschen im Allgemeinen und die rot-grünen Regierungskoalitionäre im Besonderen haben die terroristische Bedrohung dagegen längst wieder ausgeblendet. Joschka Fischer spricht von einer "Kluft in der Wahrnehmung", wenn es um das europäische und das amerikanische Verhältnis zum internationalen Terrorismus geht. Natürlich wollen ihn beide Partner bekämpfen; aber auf der Liste der jeweiligen nationalen Prioritäten rangiert die Bedrohung auf ganz unterschiedlichen Plätzen.

Bei allen diplomatischen Freundlichkeiten, die Bush für die Europäer und die Deutschen in seinem Manuskript untergebracht hatte, ließ er an diesem Grundkonflikt keinen Zweifel. Nach Meinung der Amerikaner müssen die Europäer innerhalb und außerhalb der Nato mehr tun, um ihren politischen und militärischen Verpflichtungen im Kampf gegen den internationalen Terrorismus nachzukommen. Für den amerikanischen Präsidenten geht es in dieser Auseinandersetzung heute um nicht weniger als eine Neubegründung der Werte, denen sich der Westen seit dem gemeinsamen Kampf gegen Hitler-Barbarei und Stalin-Völkermord verpflichtet sieht. Die transatlantische Gemeinschaft wird Wertegemeinschaft sein, oder sie wird nicht sein - auch im Verhältnis zu Russland. Dort wird Bush heute seine Worte wiederholen.

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