Bush steht für einen starken Dollar
Tauziehen um US-Wahl hält Finanzmärkte in Atem

Das rechtliche Tauziehen um den Ausgang der US-Präsidentenwahl wird die Finanzmärkte Analysten zufolge zu Beginn der neuen Woche in Atem halten. Während die Kreditmärkte von ihrer Funktion als sicherer Anlagehafen profitieren könnten, sei an den Aktienmärkten und beim Dollar mit Kursverlusten zu rechnen, sagten Experten.

Reuters NEW YORK. Nach dem jüngsten Urteil des Obersten Gerichts in Flordia werde ein Wahlsieg des Demokraten Al Gores wieder wahrscheinlicher. Dies könnte die US-Aktien- und Devisenmärkte verunsichern, die einen Sieg des Republikaners George W. Bush favorisierten, hieß es. Bush steht an den Finanzmärkten für eine unternehmerfreundlichere Politik und einen starken Dollar.

Das Oberste Gericht Floridas hat am Freitag einer Berufungsklage Gores statt gegeben. Dem Entscheid zufolge sollen nun alle Stimmzettel in allen Wahlbezirken Floridas per Hand neu ausgezählt werden, bei denen die Wahlmaschinen kein Votum registriert hatten und wo es noch keine Nachzählung per Hand gegeben hatte. Weiter sprach das Gericht Gore mehr als 300 zusätzliche Stimmen zu, die bei früheren Nachzählungen ermittelt worden waren. Der Vorsprung Bushs schrumpft damit auf 154 von 537 Stimmen.

In Reaktion auf das Urteil reichten die Anwälte Bushs vor dem Obersten Gerichtshof der USA Klage ein und forderten die Aussetzung der angeordneten Stimmennachzählung. Ab Samstagnachmittag werden nun amtlichen Angaben zufolge unter wachsendem Zeitdruck über 43 000 Stimmlochkarten nachträglich ausgewertet. Das Ergebnis soll den Ausschlag geben, ob Bush oder Gore nächster Präsident der USA wird. Am Dienstag läuft die Nominierungsfrist für die ausschlaggebenden 25 Vertreter Floridas im Kollegium der 50 Bundesstaaten und der Hauptstadt Washington ab, das am 18. Dezember den Präsidenten bestimmt.

Der Euro hatte nach dem Florida-Gerichtsentscheid im späten US-Handel am Freitag zum $ an Boden gewonnen. Händler sagten, mit der Entscheidung sei nun wieder einige Unsicherheit in den Devisenmarkt zurückgekehrt. "Es ist eindeutig, dass der Markt in den letzten Tagen angenommen hat, Bush werde gewinnen", sagte Marc Chandler, Chefwährungsstratege bei der Mellon Bank in New York. Nachdem die Wahrscheinlichkeit für einen Wahlsieg Gores nun jedoch gestiegen sei, hätten die Märkte wieder stärker $ verkauft. Kurzfristig orientierte Investoren seien durch den Gerichtsentscheid auf dem falschen Fuß erwischt worden. Bush gilt an den Märkten als Verfechter einer unternehmerfreundlicheren Politik und eines starken $. Für Montag erwarten Händler, dass sich der Euro zunächst weiter stabilisieren wird. Bis zur endgültigen Nominierung der Wahlmänner aus Flordia am Dienstag wird angesichts der noch ausstehenden Entscheidung des Obersten US-Gerichtshofs insgesamt mit einem volatilen Handel gerechnet.

Die US-Aktienmärkte werden nach Einschätzung von Analysten durch das Florida-Urteil belastet. "Das (die Entscheidung) wird die (Aktien-)Märkte in Aufregung versetzen", sagte Larry Wachtel, Aktienanalyst bei Prudential Securities in New York. "Der Markt hatte einen Bush-Sieg bereits eingepreist. Da nun sein Sieg angezweifelt wird, werden wir nach der Rally (vom Freitag) am Montag Verkäufe sehen", fügte er hinzu. Dies könnte Experten zufolge auch die europäischen Börsen unter Druck setzen, die sich häufig an der US-Entwicklung orientieren.

Die US-Aktienbörsen hatten am Freitag kurz vor dem Gerichtsentscheid mit teilweise deutlichen Kursgewinnen geschlossen. Der Hauptindex der US-Technologiebörse Nasdaq schloss sechs Prozent im Plus bei 2917 Punkten. Der Dow-Jones-Index der 30 US-Standardwerte ging 0,9 % über Vortagesschluss bei 10 713 Punkten aus dem Handel.

Die US-Kreditmärkte könnten dagegen zum Wochenbeginn Analysten zufolge von der gewachsenen Verunsicherung in ihrer Funktion als sicherem Anlagehafen profitieren. Darüber hinaus unterstütze der wahrscheinlicher gewordene Sieg Gores die Anleihen. Von Gore erwarten die Bondmärkte, dass mit den US-Haushaltsüberschüssen weitere Staatsschulden getilgt werden. Bush will die Mehreinnahmen dagegen auch für Steuerkürzungen verwenden, was den Kreditmärkten nicht zu Gute käme. Bereits am Freitag hatten die US-Staatsanleihen in Reaktion auf das Gerichtsurteil ihre zuvor erzielten Verluste wieder wettgemacht. Die richtungweisende 30-jährige Anleihe schloss am Freitag einen Tick im Minus bei 110-24/32 Punkten, nachdem sie zuvor mehr als einen vollen Punkt auf 109-20/32 Zähler verloren hatte. Von der besseren Stimmung an den US-Bondmärkten sowie der erwarteten Stärkung des Euro könnten Händlern zufolge auch die europäischen Rentenmärkte profitieren. Der Bund-Future war am Freitag im Gefolge der US-Treasuries noch mit 20 Ticks im Minus bei 107,60 Zählern aus dem Handel gegangen.

Elke Pickartz (Redaktion Frankfurt +49-69-7565 1275, frankfurt.newsroom@reuters.

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