Bush steht vor den Trümmern der „Neuen Weltordnung“ seines Vaters
Die Renaissance der Realpolitik

Zehn Jahre lang setzten die USA auf die Gesetze des Marktes und die Regeln der Demokratie, um die Welt zu ordnen. Damit ist Schluss - Amerika kehrt zur klassischen Machtpolitik zurück.

HB DÜSSELDORF. Der Countdown läuft. Bis zum 27. Januar soll Uno-Chefinspektor Hans Blix einen ersten umfassenden Bericht über die Bewaffnung des Irak vorlegen. Am Tag danach, dem 28. Januar, plant US-Präsident George W. Bush seine traditionelle Rede zur Lage zur Nation. Dann kann Bush die Katze aus dem Sack lassen und den Krieg gegen Irak erklären - zumindest der Zeitplan vermittelt einen Hauch von Planungssicherheit.

Ansonsten herrscht weltweit nur eins: tiefe Verunsicherung. Wie könnte es auch anders sein? Im Gegensatz zu 1991, als Bush senior den letzten Golfkrieg führte, sind diesmal weder die Gründe noch die Ziele der Amerikaner klar. Damals ging es um die Befreiung Kuwaits. Diesmal scheint von der zwangsweisen Abrüstung bis zum blutigen Regimewechsel, vom lokal begrenzten Krieg gegen den Terror bis zu einer radikalen Neuordnung des gesamten Nahen Ostens alles möglich.

Uno spielt bestenfalls eine Nebenrolle

Damals kam den Vereinten Nationen eine tragende Rolle zu, diesmal spielt die Uno bestenfalls eine Nebenrolle. Damals zog die Arabische Welt mit, diesmal sträuben sich selbst treue US-Verbündete wie Türkei und Ägypten. Damals stand Deutschland auf Seiten der USA, diesmal steht Berlin im Abseits.

Der entscheidende Unterschied liegt aber woanders: Die politische Großwetterlage hat sich völlig verändert. Als Bush senior vor elf Jahren zum "Desert Storm" blies, wurde er vom milden Lüftchen einer "neuen Weltordnung" getragen. Der Kalte Krieg war gerade zu Ende gegangen, die Hoffnung auf Ewigen Frieden und auf eine saftige Friedensdividende beschwingte die Welt. Alle Menschen wollten Amerikaner werden - oder zumindest so leben -, und so sah Bushs "neue Weltordnung" denn auch aus: Eine lockere Allianz aus Wall Street, White House und Weltsicherheitsrat sollte die Erde regieren. Den globalen Märkten, aber auch der Uno und sogar Deutschland waren in Bushs Ordnungsmodell tragende Rollen zugedacht. Globalisierung und Demokratisierung schienen endlich Hand in Hand zu gehen, das schöne Wort von der "Weltinnenpolitik" war in aller Munde.

Aus der Traum

Zehn Jahre später steht Bush junior vor den Trümmern der liberalen neuen Weltordnung, die sein Vater versprochen hatte. Amerika, die zentrale Stütze des Weltsystems, hat am 11. September einen Knacks bekommen. Die Liberalisierung stockt - nicht zuletzt, weil Europa und die USA die Marktöffnung verschleppen. Das Vertrauen in die Globalisierung schwindet, nachdem Finanzkrisen in Russland, Südostasien und Argentinien außer Kontrolle gerieten. Auch die Uno steckt in der Bredouille: Zentrale Zukunftsprojekte wie das Millenium-Programm gegen Welthunger, das Kyoto-Protokoll gegen Klimawandel und der Internationale Strafgerichtshof kommen kaum voran, weil ausgerechnet die USA blockieren.

"Die neue Weltordnung war nur ein Wort", resümiert Thérèse Delpech, Director for Strategic Affairs bei der Französischen Atomenergiebehörde in Paris, die Erfahrungen der letzten Dekade. "Seit dem Fall der Berliner Mauer haben wir zehn Jahre verloren, um die Welt neu zu gestalten", kritisierte Delpech bei einer Strategie-Tagung in der Evangelischen Akademie Loccum. "Jetzt haben wir es mit einer neuen Weltunordnung zu tun - der 11. September ist zum Symbol für das globale Durcheinander geworden."

Chaos mit Methode

Bei näherer Betrachtung hat jedoch selbst das Chaos noch Methode. Dass aus der neuen Weltordnung nichts wurde, liegt nicht etwa an mangelndem Willen der Amerikaner - sondern an ihrem halb naiven, halb interessierten Glauben, dass sich die Ordnung schon irgendwie von selbst ergeben würde. In einer Mischung aus Laissez-faire und missionarischem Eifer schickten die USA Anfang der 90er Jahre ihre Chicago-Boys nach Moskau, ihre Hollywood-Agenten nach Osteuropa und ihre Ölmanager nach Kuweit, Algerien oder Zentralasien. Gleichzeitig versäumten sie es, der algerischen Terrorgruppe GIA, den afghanischen Taliban und dem panarabischen El Kaida-Netz Einhalt zu gebieten. Dass sich daraus jenes explosive Gemisch ergeben würde, das im 11. September mündete, ahnte wohl nicht einmal die CIA.

Nun, da das Kind in den Brunnen gefallen ist, scheinen die USA mit ihrer bisherigen Philosophie zu brechen. "Die Dekade der Ökonomie geht zu Ende", sagt der römische Strategieforscher Alessandro Politi. "Wir erleben eine Rückkehr der Politik. Die USA versuchen, das Desaster des 11. September in ein neues Paradigma umzusetzen." Vor allem die realistische Schule der Machtpolitik und die Geopolitik klassischer Prägung erleben eine Renaissance, seit Bush junior den "Krieg gegen den Terror" ausgerufen hat.

Amerika präsentiert sich wieder als Leviathan, als souveräner Staat, der in letzter Instanz auf Macht und Gewalt setzt - ganz im Gegensatz zu Europa, das nationaler Souveränität abschwört und auf Kooperation und Konsens baut. Allerdings sind sich US-Politiker und Strategen noch nicht einig, ob sie ihren Macht- und Ordnungsanspruch im Alleingang oder im Einklang mit der Staatengemeinschaft durchsetzen wollen. Unklar ist auch, ob sich die USA auf punktuelle Interventionen beschränken, oder ob sie alle Terroristen und Schurkenstaaten dieser Welt bekämpfen wollen - was Konflikte in Irak, Iran, Nordkorea, womöglich aber auch in Saudi-Arabien, Sudan oder Kolumbien heraufbeschwören würde.

Eine erste Antwort dürfte Bush Ende Januar geben, wenn er seinen Irakkurs bekannt gibt. Fest steht, dass Bush junior viel stärker in überkommene Strukturen eingreifen muss als sein Vater. Seit Jahren ist die Nachkriegsordnung von Jalta und Bretton Woods überholt, schon lange wirken Uno, Nato, IWF und Weltbank überfordert. Bush steht vor einer gigantischen Herausforderung, vor der sich die "neue Weltordnung" der 90er wie ein Kinderspiel ausnimmt.

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