Bush traf mit seiner Wertediskussion den Grundton der Amerikaner
Der moralische Feldzug

Betty Rodgers zögert keine Sekunde: "Ich habe Präsident George W. Bush gewählt, weil ich gegen Abtreibung bin und die Homosexuellen-Ehe ablehne", sagt die 51-jährige Bauersfrau aus Gallipolis im südlichen Ohio. Dass der größte Arbeitgeber im Dorf, eine Metall-Firma, aller Wahrscheinlichkeit ein Werk schließt, hat ihre Entscheidung nicht beeinflusst: "Dafür kann der Präsident nichts", meint Rodgers.

WASHINGTON.In Orten wie Gallipolis hat Bush am Dienstag eine überwältigende Mehrheit eingefahren. Hier, am Rande der Appalachen-Hügel, aber auch in anderen Teilen des Mittleren Westens war das Thema Werte und Moral wichtiger als alles andere. "Bush ist ehrlich, er hat Charakter und hält die traditionelle Familie hoch", meint der 38-jährige Lastwagen-Fahrer Eric Chandler aus Mexico, einer Kleinstadt mitten in Missouri. Der Präsident hatte sich vehement dafür stark gemacht, Homo-Ehen per Verfassung verbieten zu lassen - ein Vorstoß, der hohe Resonanz fand.

Doch nicht nur auf dem platten Land kam Bush besser an als sein demokratischer Herausforderer John Kerry: Auch in Staaten mit einem hohen Anteil an Wechselwählern setzte sich der moralische Werte- Kompass des Präsidenten durch. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur AP bezeichneten sich 80 Prozent der Bürger in zehn heiß umkämpften "swing states" als "politisch moderat oder konservativ".

Dies deckt sich mit dem religiösen Grundgefühl, das in weiten Teilen Amerikas verbreitet ist. 75 Prozent der Wähler in Staaten mit republikanischer Tendenz wünschen sich einen gläubigen Präsidenten. In demokratisch dominierten Staaten sind es immerhin 52 Prozent.

"Amerika ist ein tief religiöses Land", betont Karlyn Bowman vom American Enterprise Institute, einer konservativen Denkfabrik in Washington. "Bush hat die Werte- Frage zu einem Thema gemacht, das den Terrorismus, den Irak und die Wirtschaft überlagert", unterstreicht der republikanische Meinungsforscher Whit Ayres. "Das Duell mit Kerry wurde auf die unterschwellige Botschaft reduziert: Der Präsident denkt so wie ich."

Bushs Erfolg war strategisch breit angelegt. Zum einen gelang es ihm, seine Kernbasis zu elektrisieren: Die 20 bis 25 Millionen evangelikalen Christen gingen in Massen zur Wahl. Diese Bewegung vermischte sich mit der sozialkonservativen Grundströmung in den Vereinigten Staaten. Hinzu kommen die Gegner des "big government", die in allen Bevölkerungsschichten anzutreffen sind.

Damit stellt sich die Frage, ob Bushs Wahlsieg eine ähnliche Welle auslöst wie der Ronald Reagans in den 80er-Jahren. Damals machten stramm konservative Fernseh-Prediger wie Jerry Falwell offen Reklame für den Präsidenten. Die Bannerträger der "moralischen Mehrheit", wie sich die Evangelikalen nannten, wurden zunehmend auch in Washington aktiv. Als die Republikaner 1994 erstmals seit Jahrzehnten sowohl den Senat als auch das Repräsentantenhaus eroberten, kam Bill Clinton stark unter Druck: Unter dem Einfluss des konservativen Einpeitschers Newt Gingrich sah sich der Demokrat gezwungen, tiefe Einschnitte bei den sozialen Leistungen vorzunehmen.

Die Übermacht der Republikaner im Kongress ist nach dem Wahlsieg vom Dienstag sogar noch stärker als zuvor. Und die ersten Schrittmacher für eine konservative Agenda melden sich bereits zu Wort. Grover Norquist, Chef der Lobbyisten- Gruppe "Americans für Tax Reform", hat bereits eine lange Liste für einen noch schlankeren Staat vorgelegt: Bush solle die Privatisierung der Rentenversicherung vorantreiben und auch bei der Krankenversicherung den Eigenanteil erhöhen. Darüber hinaus regt Norquist mehr Steuervorteile für private Investmentkonten an.

Auch in der Gesellschaftspolitik wird der Druck höher. Evangelikale Frontmänner wie James Dobson fordern eine Abschaffung des Rechts auf Abtreibung durch das US-Verfassungsgericht. Bush muss diese Frage mit berücksichtigen, wenn er demnächst frei werdende Richterstellen neu besetzt. Richard Viguerie, Chef einer konservativen E-Mail-Bewegung, jubelt bereits: "Jetzt beginnt die Revolution."

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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