Bush: "Wir beherrschen Himmel über Afghanistan"
Weitere Luftangriffe und Angst vor Milzbrand

"Die amerikanischen Streitkräfte beherrschen den Himmel über Afghanistan", sagte US-Präsident George W. Bush am Samstag in seiner wöchentlichen Rundfunkansprache. Damit sei das Ziel der ersten Phase der US-Kampagne erfüllt. Die Angriffe dauern auch am Wochenende an. Unterdessen protestierten Tausende in mehreren europäischen Städten gegen die Luftangriffe. Fälle von Milzbrand sorgen in den USA für Unruhe.

dpa/afp/ap/rtr ISLAMABAD/WASHINGTON/BERLIN. Bush hat den ersten Teil der gegen den moslemischen Extremisten Osama bin Laden eingeleiteten Militäraktion als Erfolg bezeichnet. Durch die seit beinahe einer Woche anhaltenden Luftangriffe auf Afghanistan sei das Netzwerk Bin Ladens und seiner Organisation El Kaida gestört worden, sagte der Präsident. Dies werde man sich zu Nutzen machen, damit Terroristen Afghanistan nicht länger als Basis für ihre Operationen nutzen könnten.

Bush sagte weiter, es würden umfassende Vorkehrungen getroffen, um die amerikanische Bevölkerung vor weiteren Anschlägen zu schützen. Die US-Bundespolizei FBI hatte am Donnerstag erklärt, es lägen Informationen über geplante Anschläge vor, machte aber keine genaueren Angaben. Das Justizministerium veröffentlichte eine Warnung, dass nach unbestimmten Hinweisen an diesem Wochenende ein neuer Anschlag bevorstehen könnte. Die Befürchtung war, dass ein Autobombenanschlag mit einem Lkw geplant gewesen sein könnte. In Washington wurde deshalb ein Innenstadtbezirk komplett für Lastkraftwagen gesperrt.

Aus Protest gegen die Militärschläge auf Afghanistan sind mehrere zehntausend Menschen am Samstag in Berlin und Stuttgart auf die Straße gegangen. Auf Spruchbändern und Plakaten forderten sie in der Hauptstadt ein Ende der amerikanisch-britischen Angriffe als Antwort auf die Terroranschläge vom 11. September. Die Veranstalter sprachen von 25 000 bis 30 000 Teilnehmern, die Polizei von 15 000. In Stuttgart protestierten nach Polizeiangaben rund 10 000 Menschen gegen die Bombenangriffe. Auch in Bonn, Wuppertal und im friesischen Aurich versammelten sich hunderte Menschen.

SPD-Fraktionschef Peter Struck äußerte Verständnis für die Friedensaktivisten. "Ich verstehe jeden, der verzweifelt nach einer Alternative zu militärischen Schlägen sucht. Ich sehe diese allerdings nicht", sagte Struck der "Berliner Morgenpost". "Es musste eine angemessene Antwort auf die Taliban und Bin Laden geben", meinte er.

Mehr als 5 000 Menschen haben sich nach Angaben der britischen Polizei am Samstag in London an einem Protest gegen die amerikanisch-britischen Militäraktionen in Afghanistan beteiligt. Die Veranstalter, die Anti-Atom-Gruppe CND, gab die Zahl der Teilnehmer mit 10 000 an. Auch in der schottischen Stadt Glasgow protestierten mehrere Tausend Menschen gegen den Krieg.

In den vergangenen Tagen hatten vier in den USA aufgetretene Fälle von Milzbrand die Angst vor Anschlägen mit biologischen Waffen geschürt. Aus US-Verteidigungskreisen verlautete, El Kaida sei möglicherweise in der Lage, chemische und biologische Waffen zum Einsatz zu bringen.

US-Vizepräsident Dick Cheney hat zum ersten Mal eine Verbindung zwischen den jüngsten Milzbrandfällen in den USA und dem mutmaßlichen Topterroristen Osama bin Laden hergestellt. Er wäre nicht überrascht, wenn Bin Ladens El-Kaida-Netzwerk hinter den bislang vier bekannten Fällen in New York und Florida stehe, sagte Cheney am Freitag (Ortszeit) dem Fernsehsender PBS. Ein möglicher fünfter Fall war nach zwei widersprüchlichen Tests am Samstagnachmittag noch unklar. Im US-Bundesstaat Nevada hatte die Niederlassung des Computerkonzerns Microsoft einen verdächtigen Brief erhalten.

Zuvor war bekannt geworden, dass sich eine Angestellte des New Yorker Fernsehsenders NBC mit Hautmilzbrand infiziert hatte. Sie war nach Angaben des New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani mit einem Pulver in Berührung gekommen, das der Redaktion in einem Brief zugesandt wurde. Auch die "New York Times" und das Außenministerium in Washington erhielten verdächtige Schreiben.

Ein Milzbrand-Alarm in der norditalienischen Stadt Genua erwies sich nach Angaben von Innenminister Claudio Scajola als "geschmackloser Scherz". Ein Paar hatte einen Umschlag mit weißem Pulver und einem mit "Anthrax" beschrifteten Zettel erhalten und war damit zur Polizei gegangen. Vorsorglich wurden die beiden Briefempfänger sowie drei Polizeibeamte ins Krankenhaus eingewiesen. Alle Tests auf Milzbrand seien bislang aber negativ verlaufen, sagte Scajola.

In den USA herrscht nun Furcht vor einer Ansteckung mit Milzbranderregern. Besonders Medienunternehmen haben Vorsichtsmaßnahmen getroffen, weil sie sich als mögliche Zielscheibe von "Anthrax-Attentätern" sehen. Anthrax kann als biologischer Kampfstoff verwendet werden. Für einen Zusammenhang mit den Terroranschlägen in New York und Washington am 11. September gebe es jedoch keine Anhaltspunkte, hatte Justizminister John Ashcroft zunächst gesagt.

Nach einer vorübergehenden Verringerung der Luftangriffe auf Afghanistan mit Rücksicht auf den moslemischen Wochenfeiertag am Freitag haben die USA den Beschuss in der Nacht zu Samstag wieder verstärkt aufgenommen. Ziele der nächtlichen Luftschläge waren nach Angaben des Nachrichtensenders CNN die Hauptstadt Kabul und die Provinzhauptstadt Kandahar, wo Taliban-Chef Mullah Mohammed Omar lebt. US- Kampfflugzeuge bombardierten offenbar auch Stellungen der Taliban im Norden Afghanistans in der Nähe des Drei-Länder-Ecks zwischen Afghanistan, Tadschikistan und Usbekistan. Das teilten jedenfalls die oppositionelle Nordallianz und tadschikische Militärs mit.

Beim Beschuss des Flughafens von Kabul seien in einem benachbarten Dorf vier Zivilisten ums Leben gekommen, meldete die in Pakistan ansässige private afghanische Nachrichtenagentur AIP. Damit würde die Zahl der zivilen Opfer seit Beginn der Operation am vergangenen Sonntagabend auf etwas über 300 steigen. Eine unabhängige Bestätigung für diese Zahlen gibt es nicht. Das Taliban-Regime lud westliche Fernseh-Teams nach Afghanistan ein, um die 160 toten Zivilisten zu dokumentieren, die in der Nacht auf Donnerstag bei einem US-Luftangriff auf den Flughafen der ostafghanischen Stadt Dschalalabad in einem benachbarten Dorf ums Leben gekommen sein sollen. Doch pakistanische Behörden verhinderten am Samstag die Reise und schickten die etwa 20 Journalisten von der Grenzstadt Peshawar zurück nach Islamabad.

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