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Bushs Albtraum liegt in Shepherdstown

Washington DC ist gelehrt, mächtig - und auch ein bisschen steif. Wer das wahre, bunt schillernde und manchmal etwas schräge Amerika entdecken will, muss raus aus der Großstadt. Zum Beispiel nach Shepherdstown.

Washington DC ist gelehrt, mächtig - und auch ein bisschen steif. Wer das wahre, bunt schillernde und manchmal etwas schräge Amerika entdecken will, muss raus aus der Großstadt. Zum Beispiel nach Shepherdstown. Der 3000-Seelen-Ort liegt knapp drei Autostunden nordwestlich von Washington am Potomac River.

Von wegen Provinz! In der German Street - der Hauptstraße - mit ihren wunderschönen Backsteinhäusern gibt es jede Menge Esoterikläden, schmucke Kunstgalerien und gemütliche Bars. Außerdem bietet das Städtchen eine Montessori-Schule, spirituelle Heiler nach der Teleios-Technik, Antiquitäten-Schuppen. Und am Samstag Abend wackeln im „Mecklenburg Inn“ die Wände beim Live-Rock. Das Gitarrensolo klingt, als ob Jimmy „Hey Joe“ Hendrix selbst über die Saiten fegt. Im Garten an den Steintischen sitzen die Studenten der Shepherd University. Das Bier fließt in Strömen, und wer es etwas exotisch mag, bestellt sich ein Glas „Buckeye Shiraz“, einen australischen Roten mit Johannisbeer-Nachgeschmack.

Shepherdstown liegt im Bundesstaat West Virginia und wurde 1762 von Einwanderern aus dem Mecklenburgischen gegründet. Deutsch spricht heute zwar kaum einer mehr, aber einige Traditionen haben sich gehalten. So bietet die „Sweet Shop Bakery“ (www.wvbakery.com) alles, was das verwöhnte Backwarenherz begehrt: Pumpernickel, Sechskornbrot, Schwarzwälder Kirschtorte. Und wenn die kalten Tage kommen, gibt es sogar Dresdner Christstollen.

Am Sonntag Mittag finder hintet der örtlichen Bücherei ein Bauernmarkt statt. Gurken, Tomaten, Brombeeren: Alles ohne Chemie. Viele Frauen tragen Schlabberkleider, die Männer haben oft Mähne mit Vollbart. Dann fehlt nur noch das Batik-T-Shirt, und das Woodstock-Ambiente wäre perfekt.

George W. Bush war vermutlich noch nie in Shepherdstown, denn hier könnte er einpacken. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen erreichte sein demokratischer Herausforderer John Kerry weit mehr als 60 Prozent der Stimmen. Viele machten ihr Kreuz auch beim Verbraucheranwalt und radikalen Kapitalismus-Kritiker Ralph Nader. Wer durch die Straßen fährt, weiß auch, warum. Auf den Aufklebern der Autos prangen Sprüche wie „When Clinton lied no one died“ oder „Defeat Hatriotism“.

Der ehemalige Heimatschutzminister und Ober-Kontrolleti John Ashroft würde hier vermutlich Herzrasen bekommen – zu viel Widerspruchsgeist. Das „Contemporary American Theater Festival“ im Juli gilt unter Theater-Liebhabern als echter Geheimtipp. Dieses Jahr wurden Stücke gezeigt wie Sam Shepards „The God of Hell“ - eine bitterböse Persiflage auf Bushs Patriotismus-Welle. Auf einer abgelegenen Farm im Bundesstaat Wisconsin platzt ein aufgesetzt fröhlicher Fremder herein. Er verteilt Plätzchen in den Nationalfarben Blau-Weiß-Rot, erkundigt sich nach einem Flüchtling, der sich im Keller versteckt hat, und fragt das höfliche Hausbewohner-Paar, ob es bereit sei, die Bürden der Freiheit zu tragen. „Habt Ihr denn wirklich geglaubt, dass Ihr für immer kostenlos auf dem Rücken der Demokratie getragen werdet?“, feixt er orwellesk.

Sheperdstown ist mittlerweile so begehrt, dass es den Einwohnern fast unheimlich wird. Immer öfter kreuzen Leute aus Washington auf, die sich in dem romantischen Städtchen niederlassen wollen. So ist der Durchschnittpreis für ein Haus innerhalb eines Jahres von 230 000 auf 300 000 Dollar geklettert. In der German Street werden sogar um die 700 000 Dollar gezahlt. „Wenn das so weiter geht, ist das irgend wann nicht mehr unser Ort“, klagt Robert, ein 60-jähriger Mann vom Bau.


Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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