BVB will mit Sportwetten verdienen
Tricksen, ohne zu transpirieren

Der börsennotierte Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund will - genauso wie er seine Ergebnisse immer wieder ins Positive hievt - künftig mit Sportwetten Geld verdienen.

HB DORTMUND. Draußen vor dem modernen neuen Verwaltungsgebäude direkt an der B 1 steht der schwarz-gelbe Verkaufswagen für Fanartikel. Ins Schwitzen kommen die Damen hinter der Theke nicht, es ist nichts los an diesem heißen Tag. Auch oben in der fünften Etage, ganz klar, wird nicht transpiriert. "Andere Arbeitgeber malträtieren ihre Mitarbeiter, indem sie sie in nicht klimatisierten Büros arbeiten lassen. Wir nicht", sagt Michael Meier, Manager bei Borussia Dortmund, und lächelt dezent.

Weniger dezent ist die gute Laune bei Manuel Neukirchner. "Schon gehört? Die WGZ-Bank hat uns hoch gestuft", triumphiert der junge Mann, der einst dem früheren DFB-Präsidenten Egidius Braun assistierte. Nun ist er beim BVB zuständig für Investor-Relations, er vermarktet die einzige Fußball-Aktie Deutschlands. Die ist nur noch gut ein Viertel dessen wert, was Anleger beim Börsengang im Oktober 2000 bezahlen mussten.

Die Börsengeschichte von Borussia Dortmund

Dass sich das Papier in den vergangenen Monaten trotz mieser sportlicher Leistungen gut geschlagen hat, ändert nichts am bescheidenen Gesamtbild. Denn: Die Börsengeschichte von Borussia Dortmund ist eine Geschichte von viel Geld für neue Spieler und den Ausbau des Westfalenstadions, von einer nicht erwarteten Deutschen Meisterschaft, aber auch von nicht erfüllten Hoffnungen an der Börse, von nicht wahr gemachten Ankündigungen und Unternehmensergebnissen, die das Management nur mit Mühe in den schwarzen Zahlen hielt.

Michael Meier, 53, hat diese Geschichte maßgeblich mitgeschrieben. Vor dem Börsengang hat er einmal auf einem Seminar erzählt, wie sehr er sich darauf freue, demnächst auch mit Wirtschaftsjournalisten und Analysten zu tun zu haben - und nicht nur mit den stets gleichen Sportschreibern. Doch kritische Fragen zur Finanzsituation des Klubs machen auch nicht gerade Spaß.

"Warum", fragt er beleidigt und angriffslustig zugleich, "haben wir nicht das Recht, uns so zu verhalten, wie alle anderen auch?" Es geht um jene Praktiken, die viele für Bilanzkosmetik halten, die für ihn aber Zeichen von Kreativität sind.

Zum Beispiel beim Westfalenstadion, das demnächst gut 80 000 Zuschauer fassen wird. Vorm Börsengang hatte der Klub angekündigt, er werde die Arena komplett übernehmen. Jetzt ist er sie erst einmal komplett los. Jeweils um das Jahresende 2001 und 2002 herum, im Weihnachts- und Silvesterstress, in dem Nachrichten schon mal untergehen, hat der BVB Stadionanteile an Immobiliengesellschaften namens Molacra und Molsiris verkauft. Dahinter steht die Commerzbank. Der Erlös: rund 75 Millionen Euro - Geld, das der BVB dringend brauchte, um rote Zahlen zu vermeiden. 1,4 Millionen Euro Jahresüberschuss bei 102 Millionen Euro Umsatz wies die Borussia 2001/02 dank der Stadionmillionen aus und für das erste Halbjahr 2002/03 ein Konzernergebnis von gut sieben Millionen Euro.

Der Meister kleiner Finanztricks

Meier ist Meister kleiner Finanztricks, zum Beispiel mit Goool.de, der Sportartikelfirma der Dortmunder. Die wurde gegründet, als der frühere Ausrüster Nike nicht mehr genug zahlen wollte. Die Markenrechte wurden für zehn Jahre an den Versicherungskonzern Gerling verkauft. 20 Millionen Euro zahlte Gerling - und kassiert nun eine Umsatzbeteiligung oder mindestens 7,35 Prozent des Kaufpreises pro Jahr.

"So etwas macht niemand, dem es besonders gut geht", sagt jemand, der mit dem Abschluss eng befasst war. Meier verteidigt seine Strategie: "Wir hätten auch sagen können, tut uns Leid, wir haben hohe Verluste. Aber wir haben uns angestrengt und die Verluste nicht gemacht. Welches Unternehmen, egal ob Metro oder Thyssen-Krupp, macht das anders?" Ob er für die Zukunft weitere Ideen zur Rettung der Bilanz in petto hat? "Davon können Sie ausgehen", sagt Meier nicht frei von Stolz. Und doch gibt er zu: "Es ist schon erforderlich, künftig zusätzlich echte Erträge zu machen."

Neuverpflichtungen hat der BVB noch nicht vermeldet, Stareinkäufe schon gar nicht. "Am Geld liegt es nicht", sagt Meier und wirbt mit der Aussicht, dass sich die Fans nun öfter auf Ergänzungsspieler wie Fernandez und Addo freuen dürfen. Das Grinsen bei der Aussage kann er sich freilich kaum verkneifen.

Hübsches Polster aus dem Börsengang

Allen, die Zweifel an der Finanzsituation haben, antwortet er: "Guck auf die Cash-Position, dann weißt du, was da ist!" 125 Millionen Euro an liquiden Mitteln stehen da zu Buche, abzüglich 40 Millionen Euro Bankverbindlichkeiten - ein hübsches Polster aus dem Börsengang. 48,5 Millionen Euro davon hat Meier bereits in einem Depot festgelegt. Bis zum Jahr 2017 sollen daraus 89 Millionen Euro geworden sein. Mit dem Geld will der Klub das Stadion zurückkaufen, für das er bis dahin jährlich etwa 15 Millionen Euro Miete zahlen muss. Das Rückkaufrecht ist jedenfalls garantiert.

Problematisch für den BVB und vor allem für seine Aktionäre ist allerdings, dass die Deutsche Bank ihre BVB-Aktienbestände sukzessive abbaut. Das Finanzinstitut hatte die Borussia KGaA an die Börse gebracht. Ein Prestigeprojekt, das weitgehend in die Hose ging. "Um es mal vorsichtig zu formulieren", erinnert sich ein Deutschbanker: "Ein Verzicht auf den Börsengang wäre eine überlegenswerte Alternative gewesen." Ende 2001 saß die Bank auf einem Paket von 28 Prozent der BVB-Aktien, heute sind es noch knapp 20 Prozent.

"Na gut, klar", reagiert Meier auf das Problem Deutsche Bank. Aber es gebe Hoffnungswerte. Dazu zählt auch die Idee, mit Sportwetten Geld zu verdienen. Mit einer Dependance im Ausland, weil die Gesetze derlei hier zu Lande nicht zulassen. Meier: "Das ist machbar, wir prüfen das ernsthaft. Gerade hier im Ruhrgebiet ist man wettaffin." Hört sich toll an, irgendwie clever.

Doch die Realität klingt anders. Zum Beispiel so: "Beim BVB werden im Verwaltungsbereich keine zusätzlichen Leute eingestellt. Sparpotenziale gibt es auf allen Ebenen", betont Michael Meier und sagt das, was momentan alle Manager sagen. Sei?s drum. Immerhin funktioniert die Klimaanlage einwandfrei.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%