BWL statt Marx und Goethe
Praxisprogramme machen Geisteswissenschaftler fit für die Wirtschaft

Eigentlich beschäftigt sich Jessica Steil in ihrem Studium mit Dingen wie Erwachsenenbildung, Psychologie und Lernmethoden. Seit einem Semester gehören aber auch Soll und Haben, Excel-Tabellen und Marketing-Strategien zu ihrem Studienalltag. Die 25-jährige Pädagogikstudentin ist eine von 20 Sozial- und Geisteswissenschaftlern an der Universität Bamberg, die sich mit einer Zusatzqualifikation für einen Job in der Wirtschaft fit machen.

"Das Programm ist eine gute Ergänzung zu meinem Studienschwerpunkt Erwachsenbildung. Für den Einstieg in die Personalentwicklung in einem Unternehmen habe ich dadurch sicher bessere Chancen", sagt die angehende Pädagogin, die mit Germanisten, Anglisten, Soziologen, Politologen und Lehramtsstudenten die Schulbank drückt. Ziel solcher Praxisinitiativen: Die Studenten sollen flexibel und offen für Berufe außerhalb der traditionellen Berufsfelder des jeweiligen Fachs werden und Praxiswissen erlernen, das ihr Fachstudium in der Regel nicht vermittelt.

Mehr als 60 Initiativen an Universitäten wollen besonders Geistes- und Naturwissenschaftlern mit Kompaktkursen, Vortragsreihen und Bewerbungstrainings unter die Arme greifen und so den Grundstein für den Jobeinstieg legen. "Der Arbeitsmarkt für Akademiker hat sich in den letzten Jahren für die meisten Fächer verbessert. Die Unis haben erkannt, dass sie den Studenten ein berufsvorbereitendes Service-Angebot bieten müssen, um in der Hochschullandschaft konkurrenzfähig zu bleiben", erklärt Harro Honolka, Geschäftsführer des Instituts Student und Arbeitsmarkt an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Die so genannten Praxisprogramme, in denen sich die Studenten das fehlende wirtschaftliche Fachwissen aneignen, liegen als Karriere-Pusher im Trend: In studienbegleitenden Seminaren werden vor allem allgemeine Managementfähigkeiten, betriebswirtschaftliche Grundlagen, Techniken des Projektmanagements und EDV-Kenntnisse vermittelt. Oft ist zudem ein Unternehmenspraktikum in das Programm integriert, das Praxiserfahrung und den Kontaktaufbau mit potenziellen Arbeitgebern ermöglicht. Die berufsvorbereitenden Programme werden meist gemeinsam von Universitäten, Arbeitsämtern, Ministerien, Industrie- und Handelskammern, Wirtschaftsverbänden und Unternehmen getragen, und die Dozenten stammen fast ausschließlich aus der Praxis.

"Rund 4000 Studierende gibt es an der Uni Bamberg in den sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern. Sie drängen auf einen schwer überschaubaren Arbeitsmarkt, der in den primär nachgefragten Einsatzfeldern zu wenige Arbeitsplätze bietet", beschreibt Konrad Bastian, Leiter des IHK-Bildungszentrums in Bamberg, die Ausgangssituation für das Bamberger "Praxisprogramm Wirtschaft". Für die Bamberger Studenten bedeutet der Kurs mit 400 Unterrichtsstunden einen Monat Vollzeitunterricht in den Semesterferien und anschließend drei Semester lang ein- bis zweimal pro Woche ein abendfüllendes Programm. Konkret heißt das, Präsentationen, Tabellenkalkulationen und Datenbanken am Computer erstellen, ein Projekt organisieren, den Aufbau eines Betriebs analysieren und die Grundlagen der Buchführung beherrschen. Im Vertiefungsteil werden die Bereiche Personalwesen sowie Marketing durchleuchtet - Tätigkeitsfelder in der Wirtschaft, die zunehmend von Geistes- und Sozialwissenschaftlern erschlossen werden. Die Unterrichtseinheiten schließen jeweils mit schriftlichen Prüfungen ab, am Ende erhält jeder Teilnehmer ein IHK-Zertifikat.

Doch egal, ob die Praxisprogramme "BeO" (Berufsorientierung für Studierende an der FU Berlin), "Student und Arbeitswelt" (Uni Köln) oder "Studierende und Wirtschaft" (Uni Bielefeld) heißen - dass solche Praxisinitiativen die Berufschancen der Nicht-BWLer tatsächlich verbessern, hat nicht zuletzt eine Untersuchung der Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) am Beispiel des Münchner Programms "Student und Arbeitsmarkt" bewiesen. Mehr als 70 Prozent der Absolventen haben den Sprung in einen qualifizierten Job geschafft. "Die Studie zeigt, dass der Berufseinstieg dann kein Problem mehr ist, wenn ein Magister-Student sich freiwillig zusätzlich qualifiziert hat. Und die Unternehmen honorieren dieses Engagement, indem die Einstiegsgehälter in der Wirtschaft bei BWL-Absolventen und Kulturwissenschaftlern mit entsprechender Zusatzqualifikation nahezu gleich sind", freut sich Honolka.

Infos zu den Programmen und Anmeldung:

Basiswissen Wirtschaft - EDV/BWL/Praktikum - Universität Augsburg
IHK-Akademie Multimedia-Zentrum
Salomon-Idler-Straße 30, 86159 Augsburg,
Tel.: 0821/3162-413

Praxisprogramm Wirtschaft - Universität Bamberg
Kerstin Strohmeier
IHK-Bildungszentrum, Ohmstr. 15, 96050 Bamberg
Tel. 0951/9182-90
Internet: www.uni-bamberg.de/studium/beruf/praxisprogramm.htm
E-Mail: strohmeier@bayreuth.ihk.de

BeO-BerufsOrientierung für Studierende - FU Berlin
Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der FU Berlin
Thielallee 38, 14195 Berlin
Tel./Fax : 030/838-55244
Internet: www.fu-berlin.de/career
E-Mail: beo@wiwiss.fu-berlin.de

Studierende und Wirtschaft - Universität Bielefeld
Universitätsstr. 25, 33615 Bielefeld
Tel.: 0521/106-4912, -4911, Fax: 0521/106-6028
Internet: www.uni-bielefeld.de/stud/stuwi
E-Mail: christine.doppler@uni-bielefeld.de, susanne.proeve@uni-bielefeld.de

Zertifikatsstudium Magister Optimus - Universität Bremen
Fachbereich Sozialwissenschaften (FB 8)
Programmbüro "Magister Optimus"
Klaus Kron
Postfach 33 04 40, 28334 Bremen
Tel.: 0421/218-4808, Fax: 0421/218-3625
Internet: www.institute.uni-bremen.de/~zachus/magister.html
E-Mail: kron@uni-bremen.de


Mit Leibniz zu Bahlsen - Studierende in die Wirtschaft - Universität Hannover
Koordinationsstelle Career Service
Christine Vogel
Königsworther Platz 1, 30167 Hannover
Tel.: 0511/762-8108, Fax: 05117/762-8154
Internet: www.uni-hannover.de/fb/leibniz_bahlsen.htm
E-Mail: vogel@career.uni-hannover.de

Projekt Student und Arbeitswelt - Universität zu Köln
Gronewaldstr. 2, 50931 Köln
Tel.: 0221/470-4695, Fax: 0221/ 470-5174
Internet: www.uni-koeln.de/ew-fak/S+A
E-Mail: angelika.conrads@uni-koeln.de, heike.schroer@uni-koeln.de

Student und Arbeitsmarkt - LMU München
Irina Spalek
Ludwigstr. 27, 80539 München
Tel.: 089/2180-2191, Fax: 089/2180-6234
Internet: www.s-a.uni-muenchen.de
E-Mail: s-s@extern.lrz-muenchen.de

Studium und Beruf - Universität Tübingen
Wilhelmstraße 26, 72074 Tübingen
Tel. 07071/29-77199
Internet: www.uni-tuebingen.de/studium-und-beruf
E-Mail: studium.und.beruf@uni-tuebingen.de

Buchtipps:



Dieter Grühn / Harro Honolka (Hg.): Berufsvorbereitende Programme an Universitäten vor neuen Herausforderungen. Heft 4 der Schriftenreihe des Instituts Student und Arbeitsmarkt an der Ludwig-Maximilians-Universität München. München 2001.

Christiane Konegen-Grenier: Mit Kant und Kafka in die Wirtschaft. Integrationsprogramm für Geisteswissenschaftler: Befragung der beteiligten Unternehmen und Absolventen. Köln 1998.

Mechtild Agreiter / Götz Schindler: Geistes- und Sozialwissenschaftler für die europäische Wirtschaft. München 2000.

Holger Ehlert / Ulrich Welbers (Hg.): Handbuch Praxisinitiativen an Hochschulen. Neuwied 1999.

Dieter Grühn (Hg.): Mit Praxisprogrammen das Berufsziel erreichen. Bds-papers 2/1999, Berlin.

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