Calmund dementiert Bereitschaft für „Not-Rabatt“
Bundesliga rechnet mit Erfüllung des TV-Vertrages

Noch gehen die Vereine und die DFL davon aus, auch in Zukunft die vereinbarten Summen von Kirch zu erhalten. Doch zeigt sich die finanzielle Zweiteilung der Liga. DFL-Geschäftsführer Pfad kritisiert derweil offen die Sendung "Ran" als wenig jugendfreundlich.

Die Sorge, dass das Ende des Fußball-Schlaraffenlandes naht, wächst bei den Vereinen, wenn auch meist nur hinter vorgehaltener Hand. Offiziell gehen die Beteiligten wieder davon aus, dass die Kirch-Gruppe die Verträge einhalten kann und wird. Die Meldung, Kirch werde wegen der großen Probleme beim Pay-TV-Sender Premiere der Bundesliga das Honorar kürzen, hatte die Vertreter der Vereine aufgeschreckt. Doch mittlerweile dementierte Leverkusens Manager Reiner Calmund, dass er gegenüber Kirch-Vertretern bereits eine Bereitschaft für einen "Not-Rabatt" signalisiert habe.

"Das ist und war nie ein Gedankengang von mir", sagte Calmund. Und auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL), der seit eineinhalb Jahren bestehende Dachverband der 36 deutschen Profi-Klubs, hat noch keine offizielle Anfrage vom Kirch-Konzern oder dem neuen Premiere-Chef Georg Kofler erhalten. "Herr Kofler ist bisher nicht an uns herangetreten. Und wir haben noch niemanden gefragt, in die Bresche zu springen", sagte Michael Pfad, Geschäftsführer der DFL. An das Undenkbare wurde aber schon gedacht: Sollte Premiere einen Preisnachlass fordern, "so müssten wir schauen, ob wir nicht Abstriche bei der Leistung machen".

Die TV-Diskussion hat derweil einen Streit herbei beschworen. Die Frontlinie verläuft zwischen "arm" und "reich", zwischen den wohlhabenden Vereinen und den Klubs mit kleinen Etats. Nach DFL-Angaben sorgen die nationalen TV-Einnahmen für durchschnittlich 30 Prozent der Klubeinnahmen. Jedoch gibt es starke Unterschiede - von unter 20 bis über 60 Prozent. Auch in der Führungsebene gibt es Dissonanzen. Der DFL-Vorstand war verstimmt darüber, dass Calmund vor zwei Wochen die Diskussion über einen Preisnachlass überhaupt zugelassen hat. Calmund, der kein Mitglied im DFL-Vorstand ist - Bayer 04 Leverkusen wird durch Wolfgang Holzhäuser vertreten - solle zu bestimmten Themen einfach mal seinen Mund halten, hieß aus DFL-Kreisen.

Um welche Summen geht es? Für den Fernsehvertrag mit KirchMedia, der vom 1. Juli 2000 bis zum 30. Juni 2004 abgeschlossen wurde, erhält die DFL, bzw. früher der Deutsche Fußball-Bund, insgesamt 1,54 Milliarden Euro. Der Vertrag mit Kirch umfasst allerdings nicht nur die Rechte für das Bezahlfernsehen, sondern auch die Lizenzen für frei empfangbares Fernsehen und den Verkauf der Bundesliga-Bilder ins Ausland. Etwa die Hälfte des TV-Honorars für die DFL holt sich die KirchMedia beim Schwester-Unternehmen Premiere.

Nach einer Studie der Investmentbank WestLB Panmure muss Premiere von 2002 bis 2004 insgesamt 551 Millionen Euro für die Bundesliga-Übertragungen bezahlen. Das entspräche einer durchschnittlichen Jahresrate von etwa 184 Millionen Euro für die 36 Profi-Klubs. Bisher erhielt jeder Verein der ersten Bundesliga pro Saison durchschnittlich rund 15 Millionen Euro aus den durch den gesamten Rechteverkauf gefüllten TV-Topf, jeder Zweitligist rund vier Millionen Euro. Die Verteilung wird zum Teil über einen "Leistungsschlüssel" geregelt, d.h. der Tabellen-Erste erhält mehr als der Letzte. Im Durchschnitt gibt die DFL etwa 7,5 Millionen Euro pro Verein und Jahr aus dem Bereich der Pay-TV-Einnahmen.

Eine geringe Kürzung von zehn Prozent würde also bei kaum einem Verein echten Schrecken erzeugen. Selbst Vereine wie der SC Freiburg, der FC St. Pauli oder Energie Cottbus wären wohl in der Lage, die Kürzung auszugleichen. "Wir haben immer gut gewirtschaftet und Überschüsse erzielt. Bei uns sind die Verhältnisse stabil", sagt beispielsweise Andreas Rettig, Manager beim Sportclub Freiburg. Ein Problem stellt die unsichere Lage zurzeit schon dar. "Wir stehen mitten im Lizenzierungsverfahren für die nächste Saison", sagt Ralf Gawlack, Marketing-Vorstand bei Hansa Rostock, "und die TV-Gelder sind da eingestellt". Hansas Etat werde zur Zeit zu 47 Prozent durch die TV-Gelder gedeckt. Sollte der aktuelle Vertrag nachverhandelt werden, käme das ungelegen, denn im Mai werden die Neuverpflichtungen geplant und festgezurrt.

Insgesamt ist die Besorgnis der Klubs gestiegen, ohne allerdings Panik auszulösen. Ein Problem ist, dass die DFL mit einem teilweise unerfahrenen, überforderten Mitarbeiterstab in der aktuellen Situation zu wenig Führungsaufgaben übernimmt.

Wie beiden Klubs hält sich auch bei den Profis die Sorge über drohende Missstände in Grenzen. Dortmunds Manager Michael Meier hatte zwar angemerkt, falls ein Verzicht der Vereine wirklich vollzogen werden müsste, "müssen auch die Spieler kürzer treten". Das brachte Thomas Schaaf, den Trainer von Werder Bremen, auf die Palme. "Da hat sich genau der Richtige zu Wort gemeldet. Herr Meier weiß ja, was in den letzten Jahren in Dortmund alles gezahlt worden ist." Der BVB gilt als der größte Preistreiber bei den Spielergehältern, noch vor dem FC Bayern.

Bei Befragungen von Spielern durch die Medien ließen einige Profis Gesprächsbereitschaft erkennen. "Bevor ein Verein Pleite geht, sind die Spieler in der Pflicht", sagte Kölns Kapitan Thomas Cichon. "Die Stars werden weiter Top-Gagen kriegen, der Mittelstand muss mit Einbußen rechnen." Florian Gothe, Präsident der Spielergewerkschaft VDV, erklärte: "Nur die Spieler moralisch zu verpflichten, wäre unaufrichtig."

Der aktuelle Kirch-Vertrag läuft bis Ende der Saison 2003/04. Danach dürfte sich einiges ändern bei der Liga-Vermarktung. So zeigt der "Masterplan" von Bayer 04 Leverkusen beispielsweise, wie der deutsche Profi-Fußball seine Fußballrechte in Eigenregie vermarkten könnte. Mit der derzeitigen Präsentation der Liga bei Sat1 zeigte sich DL-Mann Pfad unzufrieden. Er sei sich nicht sicher, ob das Darstellungsverhalten im Free-TV dem Konsumverhalten junger Leute entspricht. Die Liga brauche eine Verjüngungskur, zur Not auch zu Lasten älterer und konservativer Zuschauer. "Wenn ein Reporter fünfmal ,geil? sagt, ist das noch nicht jugendlich".

Eine weitere Möglichkeit ist, dass die Öffentlich-Rechtlichen sich stärker engagieren: "Wir werden nicht in einen Bieterwettbewerb um die Erstverwertung einsteigen, sind aber weiterhin an einer Nachverwertung interessiert - eventuell mit einer qualitativen Verbesserung", sagte WDR-Intendant Fritz Pleitgen am Donnerstag dem Handelsblatt. Beispielsweise könnte die Nachverwertung ausführlicher werden und auch zu einem früheren Zeitpunkt als zur Zeit gezeigt werden.

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