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Carl Spitzweg zeigt Risse im Biedermeier

Wuppertal (dpa) - Unzählige Male reproduziert zählen die Gemälde «Der arme Poet» und «Der Bücherwurm» zu den wohl berühmtesten Genre-Motiven des Münchner Biedermeier-Künstlers Carl Spitzweg (1808-1885).

Wuppertal (dpa) - Unzählige Male reproduziert zählen die Gemälde «Der arme Poet» und «Der Bücherwurm» zu den wohl berühmtesten Genre-Motiven des Münchner Biedermeier-Künstlers Carl Spitzweg (1808-1885).

«Jeder kennt sie, deshalb stellen wir sie nicht aus», sagte Sabine Fehlemann, Leiterin des Wuppertaler Von der Heydt-Museums. Rund 250 Werke vom Früh- bis zum Spätwerk sind in Wuppertal zu sehen. Darunter - «erstmals in dieser Fülle» öffentlich gezeigt - 165 Zeichnungen vom Architekturdetail über Landschafts- und Pflanzenskizzen bis zu Personenstudien (bis 25. Juli).

Dass Spitzweg, der als gelernter Apotheker und studierter Pharmazeut für die Kunst «alles hinschmiss» und als Autodidakt Maler wurde, ein hervorragender Zeichner und auch Landschaftsmaler war, sei bis heute wenig bekannt. Gilt der Künstler mit seinen humorvollen Genrebildern von verschrobenen Sonderlingen, kauzigen Eigenbrötlern oder betenden Mönchen doch als der Chronist des Biedermeier schlechthin. Unter dem Titel «Das ist Deine Welt» will die Wuppertaler Schau mit diesem einseitigen Urteil aufräumen.

Spitzweg habe nicht die kleinbürgerliche Idylle verherrlicht, sondern als scharfer Beobachter von menschlichen Schwächen und gesellschaftlichen Zuständen Risse, Spannungen und Konflikte dargestellt: Tiefgründig, vielschichtig und - wegen der subtilen Ironie - immer auch zum «Schmunzeln». So etwa im Gemälde «Der Verbotene Weg», auf dem ein Jesuit am Scheideweg steht. Der Mann scheint zerrissen: Gewarnt von dem Verbotsschild blickt und wendet er sich dem Liebespaar nach, das im Kornfeld verschwindet, rechts lockt nah ein Weinstock, fern ein Kloster. «Tiefgründig» daran sei, hieß es, dass Liebe, Erotik und Familie als «täglich Brot» symbolisiert seien, der Verzicht darauf als Rausch.

Zwar sind mit «Mönch auf Terrasse», «Der Gutsherr», «Kaktusfreund», «Käfersammler», «Schmetterlingsfänger» oder «der Geologe» auch charakteristische Genre-Bilder Spitzwegs zu sehen. Durch den Kontakt zur Freilichtmalerei der französischen «Ecole de Barbizon» aber entstanden auch Gemälde wie «Drei Mädchen am Waldrand», «Schnitterinnen am Waldrand» oder «Gesellschaft am Ufer des Sees»: «Leichte, lockere, freie Malerei», in der der Maler die Figur samt Anekdote als Vorwand für die Landschaftsmalerei benutzte, so Fehlemann.

Dass diese Arbeiten «Miniaturen» von wenigen Zentimetern sind, dabei dennoch «gestochen scharf», liegt nach Angaben Fehlemanns in der Kurzsichtigkeit des Malers begründet. «Schneider» hätten seine Künstlerfreunde wie Moritz von Schwind, Eduard Schleich und Adrian Ludwig Richter ihn genannt. Deswegen und weil er so akkurat angezogen war.

War Spitzweg, der ein leidenschaftlicher Reisender und Wanderer war, allerdings unterwegs, klang das anders: «Patschnaß wie ein Hund, von Schweiß und Regen triefend kommst du ins Wirtshaus. Die Böthin kommt aber erst am Abend mit deiner Bagage nach. Du kannst also das Hemd nicht wechseln.»

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