Carmichael arbeitet nicht nur für Armstrong
Vom Coach siegen lernen

Am Samstag startet die Tour de France. Radsport-Superstar Lance Armstrong ist wieder der große Favorit. Das Weekend Journal schaut hinter die Kulissen und stellt dessen Fitness-Coach Chris Carmichael vor.

Es ist ein milder Wintertag in den Bergen von Austin (Texas) und eine schlichte Provokation nimmt ihren Lauf. Zwei Radrennfahrer sind auf einer Trainingsfahrt. Plötzlich wird der führende Radler keck. "Auf geht?s. Ich schlage dich auch mit einem Bein", spöttelt der Mann und tritt nur noch mit einem Fuß in die Pedale. Als der Abstand zwischen den beiden Radfahrern noch größer wird, nimmt der immer noch Führende sogar noch eine Hand vom Lenker. "Ich schlage dich auch mit einem Arm und einem Bein," spottet der Mann im Rennsattel. Der Abstand wird trotzdem noch größer. "Ein Bein, ein Arm. Ich gewinne auch noch mit geschlossenen Augen gegen dich." Wer ist dieser Mann, der so unbarmherzig mit seinem Trainingspartner umgeht? Es ist kein anderer als Lance Armstrong, einer der besten Radprofis aller Zeiten, der ab morgen zum fünften Mal in Folge die Tour de France gewinnen möchte.

Das Opfer dieser nicht ernst gemeint Frotzelei ist Chris Carmichael. Der Trainer der amerikanischen Radsport-Stars steckt diese Provokation seines Schützlings mit einer Mixtur aus Stolz und Frustration weg. Frustriert, weil der 42-Jährige nicht irgendein Coach ist.

Als ehemaliger Olympia- und Tour-de-France-Teilnehmer macht Carmichael auf dem Rennrad noch so manch anderem etwas vor. Stolz, weil er Lance Armstrongs Trainer ist, dessen ausgeklügeltes Trainingsprogramm dabei mithalf, den hochtalentierten Radsportler Armstrong von seiner Krebserkrankung zu heilen und ihn zu dem zu machen, was er heute ist: die Nummer eins im Radsport.

Sein Know-how stellt Carmichael aber nicht nur für Armstrong zur Verfügung. Mit Carmichael Trainings Systems hat er in Colorado Springs ein Unternehmen gegründet, dass individuelle Trainingspläne für Spitzen- und Freizeitsportler ausarbeitet.

Mittlerweile hat sich Carmichael sogar ein kleines Fitness-Imperium aufgebaut. Neben seinem Unternehmen Trainings Systems veröffentlicht er Ratgeber-Bücher und betreut Top-Sportler aus dem Eishockey genauso wie den Weltklasse- Triathleten Peter Reid. Aber nicht nur Profisportlern stellt Carmichael seine Kenntnisse zu Verfügung. Auch Hunderte von Hobby-Sportlern werden von ihm betreut.

Bei seinen Trainingsplänen setzt Carmichael in erster Linie auf sportwissenschaftliche Erkenntnisse. Diese methodische Genauigkeit liegt auch seiner Trainingsphilosophie zu Grunde. Und die unterscheidet sich stark von den Trainingsweisheiten früherer Tage. "Als wir noch Radrennen fuhren, glaubten wir noch an europäische Ammenmärchen", erzählt Ron Kiefel, ein ehemaliger Radfahrer-Kollege von Carmichael. "Trink nicht zu viel Wasser. Iss kein Eis. Rasier dich nicht am Tag des Rennens", hießen die "Tipps", erinnert sich Kiefel. Und was war das Ergebnis dieser alten europäischen Faustregeln des Radsports? "Die Jungs standen immer ausgezehrt und mit Stoppelbärten an der Startlinie", lacht Kiefel.

Carmichael blieb es schließlich vorbehalten, in den USA mit diesen Trainingsmethoden aufzuräumen. Er selbst begann mit neun Jahren mit Radrennen. In Miami (Florida) landete er bei seinem ersten Rennen auf dem dritten Platz. Das war eine Zeit, in der Radfahren in den USA genauso beliebt war, wie die Handball-Nationalmannschaft des Landes. "Ich war fest überzeugt, dass ich das Richtige tat", erzählt Carmichael. Und noch etwas ist ihm in Erinnerung geblieben: "Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es nur Überflieger gab. Mutter und Vater hatten promoviert, meine Geschwister sind Ärzte."

Carmichael brach aus der Familientradition aus und setzte sich zum Ziel, ein Spitzensportler zu werden. 1984 hat er es geschafft - er gehörte zum Rad-Olympiateam seines Landes. 1986 dann seine erste und letzte Tour de France. Als Mitglied des 7-Eleven-Teams fährt er an der Seite von Greg Le Mond, dem späteren Tour-Sieger. Ein schwerer Unfall (Oberschenkelbruch) bei einem Querfeldein- Rennen verhindert Carmichaels weitere Sportkarriere. Doch der Mann ist nicht lange traurig. Er entscheidet sich für den Seitenwechsel und wird Trainer. Carmichael bereut diesen Schritt nicht. "Ich denke, ich bin heute ein viel besserer Trainer, als ich früher ein Athlet war", sagt er rückblickend.

Carmichael war es auch, der 1990 das Talent des Triathlon-"Flüchtlings" Lance Armstrong entdeckte, und ihn auf die Olympischen Spiele und Weltmeisterschaften vorbereitete. Beide schwingen auf einer Wellenlänge, doch ab und an krachte es im Gebälk von Coach und Schützling. Armstrong ist alles andere als pflegeleicht. "Er sucht immer die Herausforderung, auch mit dem Trainer", weiß Carmichael.

Zurzeit fordern die französische und britische Presse Armstrong und seinen Trainer heraus. Immer wieder werden in diesen Medien Gerüchte gestreut, Armstrongs Dominanz auf dem Rad sei nicht auf sein großartiges Können und seinen tollen Trainer zurückzuführen, sondern auf Doping. Für Carmichael sind solche Behauptungen schlicht lächerlich. "Kein Spitzensportler hat so viel Dopingtests machen müssen wie Lance. Und nie wurde er positiv getestet", hält er den Kritikern entgegen.

Wer das nicht glaubt, den lädt Carmichael gerne einmal zum Training mit Armstrong ein. "Dann kann jeder sehen, wie hart er trainiert und wie sehr er sein Leben auf die Tour de France konzentriert." Die Gelegenheit bietet sich auch in diesem Winter wieder, in den Bergen von Austin, Texas.

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