Cash-Verbrauch der deutschen Biotechfirmen bleibt hoch
Knappe Liquidität fordert von Biotech-Branche neue Strategien

Auch die relativ üppig finanzierten börsennotierten Vertreter der Branche müssen anfangen, ihre Liquidität zu schonen.

FRANKFURT/M. Die deutsche Biotechindustrie leidet zusehends unter einer schwachen Börsenverfassung und der Risikoscheu vieler Investoren. Ein deutliches Signal gibt der Personalabbau bei mehreren größeren privaten Firmen der Branche, so etwa bei Ingenium, Morphochem oder Cardion. Aber auch bei den börsennotierten Vertretern der Branche sind inzwischen kräftige Kurskorrekturen angesagt.

Diese Unternehmen waren bislang noch in einer vergleichsweise günstigen Position, weil sie den Börsenboom des Jahres 2000 zu üppigen Kapitalerhöhungen nutzen konnten. Allerdings sind die Liquiditätspolster bei etlichen Firmen inzwischen deutlich geschrumpft. Denn das Gros der Branche verbraucht nach wie vor in erheblichem Umfang Cash, wie die Halbjahreszahlen von 15 börsennotierten Biotechunternehmen zeigen. Im Schnitt lag danach der Mittelabfluss aus dem laufenden Geschäft auf dem hohen Vorjahresniveau. Einschließlich der Investitionsausgaben haben die vom Handelsblatt analysierten Firmen im ersten Halbjahr 2002 mehr als 100 Mill. Euro Liquidität verbraucht. Die zum Teil extrem niedrigen Bewertungen an der Börse signalisieren, dass der Kapitalmarkt von einem weiterhin hohen Mittelverbrauch ausgeht. Immerhin sechs Vertreter der Branche werden derzeit niedriger bewertet als ihr Bestand an flüssigen Mitteln.

Bei mehreren Unternehmen - darunter zum Beispiel die beiden im Tissue-Engineering tätigen Firmen Codon und Biotissue - ist die Reichweite der Liquiditätsreserven auf rund ein Jahr gesunken. Sie dürften spätestens im kommenden Jahr gezwungen sein, neue Eigenmittel einzuwerben - oder aber ihren Cash-Verbrauch drastisch zu senken. Auch bei Lion, Medigene und Morphosys sehen Analysten relativ starke Notwendigkeit, Ausgaben zu reduzieren oder aber weitere Finanzierungspartner zu finden.

Die Probleme der Deutschen sind Teil einer globalen Schwächephase der Biotech-Branche, von der amerikanische und europäische Firmen gleichermaßen betroffen sind. Erfahrene Biotech-Experten sehen in der Entwicklung bislang allerdings keine existenzbedrohende Krise, sondern eher eine gesunde Bereinigung. Aus der notwendigen Konsolidierung werde die Branche mit einer geringeren Zahl an Firmen, aber insgesamt gestärkt hervorgehen, ist Peter Stadler, Chef der Kölner Artemis Pharmaceuticals überzeugt.

Auslöser der Finanzierungsflaute ist dabei nicht alleine die Börsenbaisse. Auch die Einnahme-Kalkulationen entpuppten sich vielfach als brüchig, weil Neuentwicklungen im Labor oder an der Vermarktung scheiterten. Ein typisches Beispiel ist der Ausfall des Entwicklungsprojektes Etomoxir bei Medigene, wodurch die bisherige Liquiditätsplanung in Frage gestellt wird. Biotissue und Codon kämpfen mit dem Problem, dass ihre Produkte bisher von den Krankenkassen nicht anerkannt werden.

Zu den spezifischen Schwächen des deutschen Biotech-Segments gehört, dass bislang selbst Zulieferfirmen wie MWG, Genescan, Evotec oder Cybio einen relativ hohen Cash-Bedarf im operativen Geschäft verbuchten. Allerdings deutet sich hier zumindest teilweise eine Wende zum Besseren an. Thomas Höger von der DZ-Bank etwa geht davon aus, dass Evotec und Cybio nach verschiedenen Anpassungsmaßnahmen im kommenden Jahr erstmals wieder cash-positiv arbeiten können. Cybio meldete gestern einen deutlich verminderten Verlust von 0,7 (2,5) Mill. Euro für das zweite Quartal. Der Liquiditätsabfluss lag im gesamten ersten Halbjahr zwar noch auf Vorjahresniveau, hat sich im zweiten Quartal aber spürbar verringert. Das wertet Höger als Indiz dafür, dass Sparmaßnahmen bei diesem Hersteller von Labor-Automaten zu greifen beginnen.

Auch andere Unternehmen treten zusehends auf die Bremse. Lion Bioscience etwa, die derzeit durch besonders hohe Fixkosten belastet wird, sucht einen Partner für die Aktivitäten in der Wirkstoff-Forschung. Medigene will die Forschung auf dem Gebiet der Herzkrankheiten ausgliedern, nachdem das Hauptprodukt Etomoxir in der klinischen Prüfung gescheitert ist.

Insgesamt jedoch ist die Kostensenkung für die in der Wirkstoffsuche tätigen, typischen Biotechunternehmen schwierig. Denn zum einen müssen sie mit einem solchen Schritt auch Entwicklungs-Potenzial aufgeben. Zum anderen steigen die Kosten typischerweise, je weiter die die Projekte vorankommen. Vorangiges Ziel dieser Unternehmen ist es daher, zusätzliche Entwicklungspartner aus der Pharmaindustrie zu finden, die ihrerseits aber derzeit relativ wählerisch und zurückhaltend agiert.

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