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Cavallos Comeback

Cavallo ist zurück. Argentiniens legendärer Wirtschaftsminister, der Anfang der 90er Jahre den Dollar 1:1 an den Peso band und damit Jahrzehnte der Hochinflation beendete, ist aus dem selbstauferlegten US-Exil zurück in seine Heimat und in die Politik gekehrt.

Cavallo ist zurück. Argentiniens legendärer Wirtschaftsminister, der Anfang der 90er Jahre den Dollar 1:1 an den Peso band und damit Jahrzehnte der Hochinflation beendete, ist aus dem selbstauferlegten US-Exil zurück in seine Heimat und in die Politik gekehrt. Als Cavallo das erste Mal Wirtschaftsminister war, von 1991 bis 1996, war ich noch nicht in Argentinien, diese Zeit kenne ich daher nur aus Büchern und Erzählungen. Ich habe ihn erst im Jahr 2001 kennengelernt, als die noch immer bestehende Dollarbindung ins Kippen geriet. Da kam Cavallo noch einmal zurück ins Wirtschaftsministerium, um das Chaos zu verhindern. Leider war das zu dem Zeitpunkt schon unmöglich, das hätte Cavallo eigentlich wissen müssen. Doch der Mann, der mit seinem großen Kahlkopf, dem schmalen Mund und den hervortretenden blauen Augen den Touch eines Außerirdischen hat, ist Überzeugungstäter, ein fanatischer Techniker und ein überaus selbstbewußter Patriot. E r war überzeugt dass nur er dieses Land, seine Wirtschaft und vor allem seine Währung retten könnte. Als Cavallo damals inmitten der Krise Anfang 2001 antrat, war sein Image auf dem Zenit. Die meisten Argentinier waren wie er selbst überzeugt, dass nun alles gut sei, dass Cavallo es schon richten werde.

Aber so ziemlich alles ging schief. Zuletzt verkündete Cavallo fast wöchentlich neue Maßnahmenpakete, immer life im Fernsehen, mit seiner hohen, leicht quakigen Stimme. Zunehmend sah man ihm Schlafmangel an, manchmal wirkte er fast ein bisschen verrückt. Jedesmal verstanden die Argentinier weniger, was zum Teufel ihr Minister jetzt schon wieder vorhatte. Ich erinnere mich dass ich einmal aus irgendeinem Grund eine Pressekonferenz nicht hören konnte und danach einen brasilianischen Kollegen fragte, was der Minister denn nun diesmal verkündet hätte. "Cavallo hat gesagt, dass der Euro jetzt 1:1 zum Dollar steht", meinte der Brasilianer, und schien es ganz selbstverständlich zu finden, dass der argentinische Wirtschaftsminister so große Macht haben sollte, um die beiden wichtigsten Währungen dieser Welt auf diese Art und Weise zu manipulieren. Tatsächlich hatte Cavallo nur versucht den Leuten zu erklären, dass er den Peso künftig durch e inen Währungskorb aus Euro und Dollar unterlegen werde.

Cavallo verbrannte sich die Finger, er konnte die Kapitalflucht nicht aufhalten und auch keine neuen Kredite aus dem Ausland ranholen. Kurz bevor das Finanzsystem endgültig zusammenbrach und Argentinien den Zahlungsausfall erklärte, wurde er durch Massendemonstrationen aus dem Amt gejagt. Er wurde auf der Straße angegriffen und beschimpft, landete zwischenzeitlich sogar im Untersuchungsgefängnis. Innerhalb weniger Monate war sein Image von dem eines Halbgottes zu dem eines Verbrechers verkommen. Frustriert ging Cavallo in die USA, unterrichtete dort einige Jahre an der Harvard Universität.

Doch scheinbar war es ihm dort zu langweilig. Jetzt ist er wieder da, in den Talkshows, in den Zeitungen, denn er will sich bei den Wahlen im Oktober zum Abgeordneten wählen lassen. Er sucht den Menschen klarzumachen dass sie den rapide gesunkenen Lebensstandard nicht einfach hinnehmen sollen, dass es eine bessere Wirtschaftspolitik gibt als das Stückwerk der Regierung Kirchner. So kann man das Schauspiel also wieder beobachten: Cavallos langatmige Ausführungen, die schon nach kurzer Zeit immer ratloser werdenden Blicke der Journalisten, die ihn interviewen. Dieser glasig werdende Blick der Zuhörer, die sich krampfhaft bemühen ihrem Gesicht einen verstehenden Ausdruck zu verleihen. Viel Chancen hat Cavallo bei den Wahlen nicht, denn die Leute lasten ihm die Krise von 2001/2 persönlich an. Und die Regierung tut ihr Möglichstes, um dieses Bild am Leben zu erhalten. Doch Cavallo hat scheinbar ein Faible für aussichtslose Situationen. Er kämpft wie ein Löwe.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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