CD-Verkäufe sacken weiter ab
Musikindustrie fühlt sich im Stich gelassen

Thomas Stein platzte der Kragen. Ungewöhnlich heftig wetterte der Europachef der deutschen Musiktochter der Bertelsmann AG, BMG, gegen die seiner Meinung nach untätige rot-grüne Regierung in Berlin. An der derzeit prekären Lage der deutschen Musikindustrie trage die Regierung Mitschuld. Sie habe weder die versprochene Unterstützung zur Förderung der Pop- und Rockmusik umgesetzt, noch werde sie es wohl schaffen, die EU-Urheberrichtlinie in der laufenden Legislaturperiode im Parlament umzusetzen.

DÜSSELDORF. Steins Attacken kommen nicht ohne Grund. Der Umsatz der deutschen Tonträgerindustrie ist nach Brancheninformationen in den ersten vier Monaten des Jahres erneut um über zehn Prozent abgesackt. Innerhalb von vier Jahren wären damit 27 Prozent des Umsatzes abhanden gekommen. "Die Hütte brennt", formuliert es ein Manager plastisch, "und die Politik verabschiedet sich in den Wahlkampf."

Anlässlich der bis heute andauernden Welttagung des Musikverbandes IFPI in Washington legte die Industrie die neuesten Zahlen vor: Nach ihren Schätzungen wurden 2001 weltweit bereits 1,9 Milliarden Musikstücke raubkopiert - 100 Millionen mehr als im Vorjahr. Tendenz: Weiter steigend.

Gerade mit der Urheberrichtlinie hatten die Musikverantwortlichen gehofft, endlich das Raubkopieren in den Griff zu bekommen. Denn nicht nur das Kopieren urheberrechtlich geschützter Musik-CDs wäre dann bald strafbar, sondern sogar schon die Anleitung zur Umgehung von Kopierschutzsoftware (etwa in Computer-Zeitschriften).

In Zeiten des Wahlkampfes wehren sich die Angegriffenen entsprechend heftig. Der Staatsminister für Kultur im Bundeskanzleramt, Julian Nida-Rümelin, ließ per offenem Brief verkünden, die Anwürfe seien "absurd und weltfremd" und die Musikindustrie wolle von hausgemachten Problemen wie etwa ungenügender Nachwuchsförderung ablenken. Der Gesetzentwurf für das Urheberrecht gehe "noch vor der Sommerpause zur Beschlussfassung ins Bundeskabinett".

Das hält der Oppositionsabgeordnete Steffen Kampeter von der CDU für völlig unzureichend: "Am 22. September steht die Musikindustrie wieder mit leeren Händen da", prophezeit Kampeter, der für eine schnelle Umsetzung der EU-Richtlinie eintritt. Er kritisiert auch, dass eine vom Musikverleger-Verband geforderte Verdreifachung der Urhebervergütung auf unbespielte Tonträger wie CD-Rohlinge und Leerkassetten (von 6,14 auf 18 Cent pro Spielstunde) nicht umgesetzt wurde. Vor alle die Lage der mittelständischen Musikindustrie - also der Musikverlage, Texter und Produzenten - werde so nicht verbessert, so Kampeter und BMG-Manager Stein, eher im Gegenteil.

Studio-Sterben in Deutschland

Der Musiker und freie Produzent Leslie Mandoki ("Dschingis Khan") stimmt dem durchaus zu, macht jedoch nicht nur die Raubkopiererei für die Probleme der kleinen und mittelstänischen Musikschaffenden verantwortlich. Das Studio-Sterben, dass er seit Jahren in Deutschland beobachtet, führt er auch auf falsche Weichenstellungen der gesamten Musikbranche zurück. "Seit 25 Jahren werden die Produktionsbudgets heruntergefahren, stehen kleine Produzenten unter Druck", sagt er. Die mächtigen Musikkonzerne hatten aus Kostengründen die eigenen Produktionskapazitäten weitgehend stillgelegt und die Aufträge nach draussen vergeben.

Nun allerdings bekommen auch die Großen der Branche den Kostendruck mit Wucht zu spüren. Einer ist dabei besonders betroffen, wenn die CD-Verkäufe weiter durchsacken: Bertelsmann. Der deutsche Medienriese hat gerade angekündigt, die sehr erfolgreiche Zomba Music Group (Britney Spears, N-Sync) für geschätzte drei Milliarden Dollar zu übernehmen. Dabei richtet sich der Verkaufspreis aber nach den Zomba-Erträgen der Jahre 1999 bis 2001.

Rückwärtsgerichtete Preise zu zahlen in einer Zeit, in der der Markt fällt, kann teuer werden. Um die Ertragskraft Zombas zu sichern, wäre es also nicht nur nötig, dass BMG das Zomba-Management und die Künstler bei der Stange hält, sondern dass das Phänomen Raubkopieren zumindest eingegrenzt werden kann. Musikprofi Thomas Stein weiß schon genau, wovon er redet.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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