CDU-Führungsspitze für Stoiber als Kanzlerkandidat
Analyse: Für Merkel wird die Luft immer dünner

Die Situation bleibt unübersichtlich, aber eins hat der CSU-Parteitag in Nürnberg gezeigt: Die Christsozialen wollen ihren Parteivorsitzenden Edmund Stoiber zum Kanzlerkandidaten küren - und zwar rasch. Zwar gibt es vor allem in der Landtagsfraktion nach wie vor Bedenken, weil man negative Auswirkungen auf die Landespolitik fürchtet. Noch größer aber ist die Sorge, ohne Stoibers Führung werde die gesamte Union in einen Abwärtsstrudel geraten.

Der bayerische Ministerpräsident, der bislang wenig Neigung erkennen ließ, in aussichtsloser Position gegen den Kanzler anzutreten, wird sich diesem Ruf kaum entziehen können. Wenn sich die Lage der CDU nicht noch dramatisch bessert, hat er keine Wahlfreiheit mehr - es sei denn, er wollte fortan mit dem Ruf des Drückebergers behaftet sein.

Ein Problem gibt es allerdings noch: CDU-Chefin Angela Merkel muss mitspielen. Denn so eindeutig alle Indikatoren derzeit für Stoiber sprechen - ohne Merkels Einverständnis wird es eine rasche Festlegung kaum geben. Bislang hält die Parteichefin an der Vorgabe fest, über den Spitzenkandidaten werde im kommenden Jahr entschieden. Zu einem vorzeitigen Rückzug müssten ihre Gegner sie zwingen.

Öffentlich lancierte Kritik

Der Versuch läuft bereits. Schon vor dem Parteitag war der Druck auf die CDU-Chefin durch öffentlich lancierte Kritik aus beiden Schwesterparteien erhöht worden. Das demonstrativ zur Schau getragene Desinteresse der CSU-Spitze während Merkels Parteitagsauftritt war eine weitere Eskalationsstufe in diesem Zermürbungskrieg. Die nächste Station wird die Berlin-Wahl am 21. Oktober sein. Die absehbare Niederlage der CDU wird man Merkel zur Last legen.

Der ist die schwierige Lage, in der sie steckt, wohl bewusst. Ginge es allein um die Kanzlerkandidatur, fiele ihr ein Verzicht leichter. Doch auf dem Spiel steht auch Merkels Zukunft als Parteichefin. Zwar steht ein Putsch nicht unmittelbar bevor. Doch muss die Kandidatenfrage so entschieden werden, dass nicht der Eindruck haften bleibt, sie habe ihre Zukunft an der Spitze der Partei bereits hinter sich. Es muss ein Kompensationsgeschäft geben. Wie dies aussehen könnte, ist unklar.

Gefahr aus der eigenen Partei

Gefahr droht Merkel nicht aus der CSU, sondern aus der eigenen Partei. Die Fraktion ist ohnehin mehrheitlich gegen sie, aber auch in der CDU-Spitze teilen mittlerweile viele die Analyse der bayerischen Brüder und Schwestern. Ein glaubwürdiges Szenario, um Merkel zur Ausrufung Stoibers zu bewegen, ist aber noch nicht gefunden.

Merkels Lebensversicherung ist die Tatsache, dass auch ihren Kritikern nicht an einer völligen Demontage gelegen sein kann - jedenfalls nicht, so lange kein glaubwürdiger Nachfolger bereitsteht. Mit einer am Boden liegenden CDU-Vorsitzenden wird Stoiber kaum in den Wahlkampf gehen wollen. Das verschafft ihr etwas Spielraum.

Viel Zeit hat Merkel allerdings nicht mehr, um ihre Position zu verbessern. Die "K-Frage" wird sich nicht über den Dresdner CDU-Parteitag im Dezember hinaus offen halten lassen. Die Parteichefin wird sich etwas einfallen lassen müssen. Gute Nerven hat sie, aber gibt es für sie überhaupt noch einen Ausweg? Und hat sie noch die Kraft? Es wird nicht mehr lange dauern, bis man die Antwort kennt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%