CDU punktet wegen Arbeitslosigkeit – Liberale verlieren wegen Möllemann – Flut spielte kaum eine Rolle
Wahlanalyse: Irak verhindert SPD-Debakel

Selbst wenn das Ergebnis erst spät feststehen wird, sind sich die Wahlforscher bereits jetzt sicher: Das Thema Arbeitslosigkeit dominierte die Wahl - die Union konnte sogar bei Arbeitern punkten.

DÜSSELDORF. Erheblich klarer als das Wahlergebnis sind nach ersten Analysen die Beweggründe, wer wen warum wählte - oder eben auch nicht. "Das Wahlergebnis hat eine wesentliche Ursache in dem erdrückenden Vorsprung in der Kanzlerfrage", meint etwa die Forschungsgruppe Wahlen. Andernfalls hätte sich die SPD wohl kaum noch Hoffnungen auf eine Regierungsmehrheit machen können. In Bezug auf den gewünschten Kanzler habe Gerhard Schröder den Vorsprung vor Edmund Stoiber in den vergangenen Wochen noch einmal ausbauen können: 58 % sprachen sich zuletzt für den Amtsinhaber und bloß 34 % für den Herausforderer aus.

Allerdings konnte die Union dieses Manko vor allem durch Wirtschaftskompetenz ausgleichen. Auch erzielte die Union in Bayern ausgesprochen gute Werte: Nach einer Hochrechnung des Bayrischen Fernsehens kam die Partei hier auf weit mehr als 60 %, nachdem sie bei der Wahl 1998 im Freistaat nur 47,7 % erzielt hatte.

Das gute Abschneiden der Grünen resultiert nach Ansicht der Meinungsforscher vor allem aus dem taktischen Wahlverhalten von SPD - und Grünenanhängern. Hier habe sich - vermutlich zu Lasten der Sozialdemokraten - ein Erfolg des erstmals forcierten Personenwahlkampfes gezeigt: "Zweitstimme ist Joschkastimme". Auch die Zuwächse der Union resultierten nicht zuletzt aus Gewinnen bei SPD-Wählern: Bei Arbeitern konnte sie um rund 7 Prozentpunkte auf 37 % zulegen.

Regional betrachtet, fuhr die Union ihre Stimmen besonders in den alten Ländern ein und landete im Osten weit hinter der SPD. Im Vergleich zur Bundestagswahl 1998 konnte sich die CDU im Westen um etwa 3 Punkte verbessern. Die SPD wiederum erreichte im Osten ein Plus von 4 Punkten - im Wesentlichen auf Kosten der PDS -, verlor aber 4 Punkte im Westen, vor allem an die Union und die Grünen.

Während die Frauen kaum anders als 1998 wählten, verlor die SPD bei den Männern 5 Punkte, und die Union gewinnt in gleicher Größe. Die SPD war in allen Altersgruppen fast gleich stark, ihre größten Verluste erlitt sie bei den 45- bis 60-Jährigen (minus 5). Die Union wurde stärkste Partei bei den über 60-Jährigen (45 %). Die Grünen schließlich erzielten klare Gewinne bei Wählern über 45 Jahre.

Das Thema Wirtschaft dürfte wesentlich zum Wahlergebnis beigetragen haben. Denn laut Infratest Dimap beurteilten am Wahltag 87 % ihre wirtschaftliche Lage als schlecht. Mehr als ein Drittel der Wähler nannte das Thema Arbeitslosigkeit als wesentliches Motiv ihrer Wahl. Auch das Hochwasser stand auf der Agenda, aber: Sonderlich groß war der Flut-Effekt nach Ansicht der Meinungsforscher nicht. Nur im August ließ die Flut die Stimmung zu Gunsten der SPD kippen, im September aber spielte das Thema kaum noch eine Rolle. Dass die Sozialdemokraten nicht noch mehr Stimmen verloren haben, dürften sie der Irak-Frage verdanken. Das Problem eines Krieges erreichte kurz vor der Wahl ähnlich wahlentscheidende Werte wie sonst nur das bis dahin dominierende Thema Arbeitslosigkeit.

Die Zuwanderung, die die Union in der letzten Woche vor der Wahl auf die Agenda gesetzt hatte, spielte nach Ansicht der Wahlforscher keine Rolle. Anders die Personalien: So waren am Freitag vor der Wahl laut Infratest Dimap 34 % der Deutschen der Meinung, Justizministerin Herta Däubler-Gmelin sollte wegen ihres angeblichen Vergleiches der Methodik von US-Präsident George Bush und Hitler zurücktreten. In Sachen des FDP-Parteivizes Jürgen W. Möllemann sagte die Hälfte der Befragten, er solle keine führende Rolle mehr spielen - entsprechend dürften die Liberalen nicht zuletzt deshalb auf der Schlussgeraden so deutlich verloren haben, dass sich die Frage der Mehrheit an Sitzen nun nach aller Voraussicht an der Anzahl der Überhangmandate entscheidet.

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