Chairman von Bain & Company
Orit Gadiesh: Die extravagante Navigatorin

In der von Männern dominierten Szene der internationalen Unternehmensberatungen gibt es nur wenige Frauen, die es bis an die Spitze schaffen. Orit Gadiesh ist eine davon.

Eleganter schwarzer Hosenanzug, hohe Absätze, auffallende Brosche, schwerer Silberschmuck an beiden Armen - wo Orit Gadiesh auftritt, fällt sie schon durch ihre extravagante Erscheinung auf.

Und das in einer Branche, die vorzugsweise diskret im Hintergrund arbeitet: Gadiesh ist eine der wenigen Frauen, die es bis an die Spitze einer internationalen Unternehmensberatung geschafft haben. Seit acht Jahren ist Gadiesh, die nicht verrät, wie alt sie ist, Chairman of the Board bei der Bain & Company in Boston, neben McKinsey und der Boston Consulting Group (BCG) eines der führenden Managementberatungshäuser der Welt.

In Deutschland gehört das Unternehmen noch nicht zu den ganz Großen und wird von Marktforschern an Position sieben geführt. Klarer Schwerpunkt von Bain: die Strategieentwicklung und-umsetzung

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Gadiesh gilt als eine der intelligentesten Protagonisten im Beratergeschäft. Ihre Vorträge finden auf der ganzen Welt Gehör - etwa wenn sie auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos spricht. Consulting-Fachmagazine zählen sie regelmäßig zu den bedeutendsten Beratern, das US-Wirtschaftsmagazin "Fortune" sah sie jahrelang unter den 50 einflussreichsten Frauen in den USA

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Seit 24 Jahren ist sie ein "Bainie" - in einem Job, in dem viele Kollegen nach wenigen Jahren ausgebrannt in die Industrie wechseln. "Es ist ein spannendes Geschäft", sagt Gadiesh. Auch als Chairman trifft sie sich fast täglich mit ihren Kunden, Unternehmenslenkern auf der ganzen Welt.

An die Bain-Spitze rückte sie in einer der schwersten Zeiten des Unternehmens. Als Gadiesh Anfang der 90er-Jahre Chairman wurde, hatte sich Firmengründer Bill Bain gerade zurück- und sein Geld aus der Firma abgezogen.

Viele sahen damals bereits das Ende von Bain nahen, erinnert sich Gadiesh. "Doch es ist letztlich kein Kunde abgesprungen." In wenigen Jahren schaffte sie gemeinsam mit Managing Director Thomas J. Tierney den Turnaround. Nach dynamischen Wachstum spürt das Unternehmen jetzt aber die Konjunkturschwäche.

In der schwierigen Umbruchphase Anfang der 90er-Jahre forderte Gadiesh, die heute als Bains "Spiritual Leader" - als Vordenker - gilt, von ihren Partnern das, was sie vorzugsweise von ihren Kunden verlangt: die Suche nach "True North" - einem ihrer Leitbilder, häufig in Vorträgen und Schriften thematisiert.

Ein Unternehmen müsse eine klare Vision haben, erklärt die studierte Psychologin. Es benötigt ein Bündel an strategischen Prinzipien, an denen es festhält und an denen es das Management ausrichtet, auch wenn sich die äußeren Umstände ändern.

Ein herkömmlicher magnetischer Kompass weise auf den magnetischen Nordpol, doch könne der sich vom eigentlichen, geographischen unterscheiden. Auch ein Unternehmen benötige deshalb einen exakten, intern ausgerichteten Kompass, um korrekt navigieren zu können. Das schaffe Vertrauen bei Kunden und Mitarbeitern. In der Branche hat ihr das den Spitznamen "die Navigatorin" eingebracht.

Zu Bains inneren Werten gehöre seit der Firmengründung im Jahr 1973 der klar praxisorientierte Beratungsansatz, erklärt Gadiesh. Sie erläutert das gerne mit dem 80:20-Prinzip: "Wenn eine brillante Idee nicht umgesetzt werden kann, nehmen wir eben nur 80 Prozent der brillanten Idee und lassen die 20 Prozent weg, die nicht praktikabel sind."

Gadiesh bezeichnet sich selbst als ausgesprochen neugierig. Sie geht gerne ins Theater, interessiert sich für Kunst und Philosophie und liest gerne - vorzugsweise Romane, Biografien, aber auch Sachliteratur über Wissenschaft, Geschichte und Militärgeschichte. Manchmal verschlinge sie bis zu 100 Bücher im Jahr, sagt sie.

Die gebürtige Israelin engagiert sich in diversen Wohltätigkeitsorganisationen, unter anderem für den Frieden in Nahost. Mit Israels Außenminister Schimon Peres ist sie befreundet.

Ihr Know-how kann Gadiesh an ihren Mann weitergeben. Er arbeitet als selbstständiger Unternehmer, führte zeitweise eine Brauerei in Boston. Die Idee mit dem Kompass stammt übrigens ursprünglich von ihm: In den späten achtziger Jahren hatte Mr. Gadiesh zwei Jahre lang alleine die Welt umsegelt. Sich an "True North" zu orientieren war damals überlebenswichtig.

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