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Chamäleon tritt mit neuen Waffen gegen Windows an

ap NÜRNBERG. Endlich ist es so weit: Die mit Spannung erwartete KDE-Oberfläche 2.0 für Linux-Rechner ist rechtzeitig zur Münchener Computermesse Systems fertig geworden. Als größtes europäisches Linux-Haus will die Nürnberger Firma SuSE mit KDE 2.0 beweisen, dass es endlich auch für Nicht-Computer-Freaks möglich ist, mit Open-Source-Software zu arbeiten. "Wir wollen den einfachsten Desktop der Welt anbieten", steckt das bei SuSE für Technik zuständige Vorstandsmitglied Dirk Hohndel das Ziel ab. Bisher hat hier Microsoft mit seinen verschiedenen Windows-Versionen einen Marktanteil von etwa 90 Prozent.

Intuitiv und bequem soll der Kunde sich auf seinem Computer zurechtfinden. Nachdem schon etwa 44 Prozent der Web-Server in Deutschland unter Linux laufen, soll jetzt auch der Endkunde nicht mehr automatisch bei Windows landen. Die Linux-Pakete von SuSE installieren KDE als Haupt-Desktop, während Konkurrenten wie Red Hat dem Alternativprojekt Gnome den Vorzug geben.

Zu dem kuscheligen, quietschgrünen Monster, das überall im Nürnberger Stammhaus herumsteht, sagt Hohndel: "Das Chamäleon ist unser Maskottchen, denn wir wollen eine Firma sein, die sich flexibel den Kundenanforderungen anpasst." Bei KDE 2.0 besteht der Chamäleon-Effekt darin, dass die Benutzerfreundlichkeit weiter verbessert wurde. Der Dateimanager Konqueror dient gleichzeitig als Internet-Browser und schaut schon bei der Eingabe eines Suchbegriffs nicht nur auf der eigenen Festplatte nach. Bei Bedarf gibt es gleich eine Verbindung ins Internet, und der Konqueror schaut nach, ob und wo es was zum Suchbegriff zu finden gibt. Vier Desktops - bei Bedarf auch mehr - können gleichzeitig offen gehalten und angeklickt werden.

Ansonsten ähnelt die grafische Oberfläche dem Windows-Bildschirm; der Nutzer soll sich nicht erst groß umgewöhnen müssen, wenn er wechseln will. "90 Prozent der Desktop-Besitzer sind Windows gewöhnt, das Look-and-Feel bei uns ist für sie deshalb einfach", sagt Hohndel. In "Hausfrauentests" seien Linux mit KDE große Stabilität und problemlose Installation bescheinigt worden. Aus der Insider-Software für Nonkonformisten ist ein massentaugliches Produkt geworden. Auch deshalb ist Hohndel überzeigt, dass seine neue Version eine echte Alternative für den Endanwender darstellt, dem die Philosophie dahinter erst mal egal ist, Hauptsache, es funktioniert. Doch das Spannende ist genau diese Philosophie.

Open-Source sicherer als geheimer Quellcode?

Denn alle Linux-Freaks legen großen Wert darauf, dass es bei ihnen so ganz anders zugeht als beim übergroßen Konkurrenten in Seattle. Linux ist im Gegensatz zu Bill Gates' Quellcode offen für jedermann. Der Quellcode, das innere Gerüst der Software, steht offen im Internet zur Verfügung, und eine Gemeinde von geschätzten 10.000 Programmierern in aller Welt bastelt ständig daran weiter - kostenlos und aus Überzeugung versteht sich. Nach Hohndels Angaben ist auch gut die Hälfte der SuSe-Entwicklung aus Open-Source entstanden und daher für alle Distributoren frei verfügbar, was den im Vergleich zu Microsoft-Produkten günstigen Preis von 89 Mark für die Einsteigerausgabe erklärt.

Was die Sicherheit des Systems gegen Hacker angeht, sieht Hohndel wie auch die anderen Linux-Distributoren hier den überzeugenden Vorteil ihres Open-Source-Prinzips: "Wir laden ja alle weltweit geradezu ein, schaut euch die Software genau an! Und wenn wir eine offene Tür entdecken, dann kommt das allen anderen zugute." Ein besonderes Lizenzmodell, die GNU General Public License, sorgt dafür, dass Weiterentwicklungen nicht das Eigentum einzelner Entwickler oder Firmen bleiben. "Jeder muss es weitergeben, und das ist der Unterschied zu Microsoft, das nur sein eigenes Entwicklungssystem hat", erklärt Hohndel.

Weil alles offen ist, gilt Rumprobieren und Mitprogrammieren ausdrücklich als erwünscht. Jeder kann zum Tester werden und schauen, wo das Betriebssystem oder einzelne Programme noch zu verbessern sind. Professionelle Nutznießer sind die Distributoren wie SuSE. Sie bieten eine auf Otto Normalverbraucher zugeschnittene Komplettversion an mit Handbuch und Installationssupport an. Die mitgelieferte Software-Auswahl enthält ein komplettes Office-Paket - wie es jetzt auch zu KDE 2.0 dazugehört - sowie Software für Multimedia, Bildbearbeitung und Internet.

Und der Laden brummt, im vergangenen Jahr verdoppelten die Nürnberger die Zahl der Mitarbeiter auf 500, Tendenz weiter steigend. Mit einem Umsatz von zwanzig Millionen Euro im vergangenen Jahr weiß Hohndel natürlich, dass er gegen den milliardenschweren Giganten keinen Kreuzzug anfangen kann, aber selbstbewusst löckt er wider den Stachel: "Wenn ein Privatmann sich Linux installiert und damit ins Internet geht, dann wage ich die Behauptung, ist das sicherer, als wenn er das mit Windows 98 tut."

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