Chance für Ricken und Böhme
Auf Ehre und Gesundheit

Futter für den Volkszorn: Was ist bloß in einen Profifußballer gefahren, der als Spieler freiwillig auf die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft verzichtet?

Ist es nicht der Traum eines jeden Kickers, sich vor den Augen der Welt mit den besten Fußballern zu messen? Jörg Heinrich sorgt mit seinem Rückzieher kurz vor Anpfiff für Unverständnis und muss sich harsche Kritik gefallen lassen. Genau wie der malade Bayer Mehmet Scholl, der beim letzten Spiel der Saison noch eifrig mitkickt, sich aber nicht fit für ein WM-Turnier fühlt und aus freien Stücken verzichtet. Dem öffentlichen Gezeter zum Trotz.

Es geht wieder um vaterländische Pflichten, stolze Adler auf der Brust und finster entschlossene Minen beim fachfremden Intonieren der Landeshymne. Lässt man die Welle der moralinsauren Aufregung vorüber ziehen, offenbart sich eine fast historische Klarsichtigkeit - von denen das Gros deutscher Kicker in den vergangenen Jahren gänzlich unbenommen war: Es gehört zur Untugend der Fußballergilde, zur richtigen Zeit die falsche Entscheidung zu treffen. Wie weiland der alternde Lothar Matthäus als überforderter Libero einer überforderten Mannschaft, die bei der Europameisterschaft 1998 dem Ansehen der deutschen Elf enormen Schaden zugefügt hat. Keine schöne Erinnerung für die Fans. Kein schöner Abschied für einen ehemaligen Weltklasse-Fußballer.

Statt auf Heinrich und Scholl zu fluchen, sollte man ihnen zu ihrer Entschlusskraft gratulieren. Es ist jedermanns gutes Recht, nach Verletzungsmiseren auf seinen Körper zu hören und rechtzeitig die Notbremse zu ziehen. Die von der athletischen Belastung zermürbten und verletzten Nowotny, Deisler und Wörns zahlen nun einen hohen Preis für ihre gelobte Moral, die Gesundheit dem sportlichen Erfolg hinten an zu stellen. Öfter sollte sich bei Profis die Einsicht durchsetzen, dass der Nutzen für die Mannschaft bei angeschlagener körperlicher oder seelischer Verfassung nüchtern betrachtet wird.

Ein Blick auf Völlers Kader verrät, dass immer noch einige Haudegen alter Tage mitwirken, die im vergangenen Jahr den Nachweis ihrer Klasse schuldig blieben und teils lädiert gen Japan geflogen sind. Sollten etwa Ziege oder Bierhoff bei der WM nicht überzeugen, wird ihnen vorgehalten, dass sie nicht beizeiten im Interesse der jüngeren und formstärkeren Kollegen verzichtet haben. So gerne die Fans Fußballer wie Scholl und Heinrich für ihr Team spielen sehen, so sehr muss ihr freiwilliger Verzicht deshalb respektiert werden. Und wenn Ricken und Böhme als Nachrücker ihre Chance beim Schopfe packen, ist damit allen gedient.

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