Chancen für Nachzügler
Wenn die Abgabefrist für die Steuererklärung verstrichen ist

Seit 1991 werden fast alle Angestellten nur noch freiwillig veranlagt. Binnen einer Frist von zwei Jahren, muss der Antrag dazu beim Finanzamt sein. Steuererklärungen, die später eintreffen, werden nicht mehr berücksichtig. Doch es gibt mehrere Wege aus der Fristenfalle

Stellen Sie sich vor, Sie geben eine Steuererklärung ab, und das Finanzamt will sie gar nicht haben! Paul Müller ist genau das passiert. Ein beruflich bedingter Umzug, viel Stress im Büro - denn im neuen Job war Müller auch abends und am Wochenende im Einsatz. Dem Jung-Manager blieb kaum eine ruhige Minute. Als zudem seine Mutter erkrankte, war der allein stehende junge Mann vollauf damit beschäftigt, sie zu pflegen.

Auf seinem heimischen Schreibtisch stapelten sich inzwischen Unterlagen für drei Steuererklärungen. Das Finanzamt schien es damit auch nicht eilig zu haben. Nicht ein einziges amtliches Mahnschreiben erinnerte Müller an die ausstehenden Steuererklärungen. Das ist nicht verwunderlich, denn Angestellte, die sonst keine Einkünfte haben, können meist mit einer Steuerrückerstattung vom Finanzamt rechnen. Als Müller im Januar schließlich die Erklärung für 1998 beim Finanzamt abgab, lehnt die Behörde dankend ab. Begründung: Die Antragsfrist von zwei Jahren sei verstrichen. Spitzenverdiener Müller, der mit einer vierstelligen Steuererstattung gerechnet hatte, kann nun weder die Kosten des Umzugs noch die Ausgaben für die vorangegangene doppelte Haushaltsführung absetzen.

Wer mit einer Rückzahlung rechnet, muss binnen zwei Jahren die Steuererklärung abgeben

Bis 1990 gab es den freiwilligen Lohnsteuerjahresausgleich und die Pflicht für Besserverdienende, eine Einkommensteuererklärung abzugeben. Seit 1991 werden fast alle Angestellte, auch wenn sie viel verdienen, nur noch auf Antrag - also freiwillig - veranlagt. Wer durch hohe Werbungskosten, Sonderausgaben oder außergewöhnliche Belastungen mit einer Rückzahlung rechnet, muss deshalb binnen zwei Jahren die Steuererklärung abgeben und so einen Antrag auf Veranlagung stellen. Die Steuererklärung für 1999 muss spätestens bis zum 31.12.2001 beim Finanzamt sein. "Das ist eine Ausschlussfrist, die nicht verlängert wird", erklärt Peter Bilsdorfer, Richter am Finanzgericht des Saarlandes und Autor zahlreicher Ratgeber über den richtigen Umgang mit dem Finanzamt. Doch es gibt mehrere Wege aus der Fristenfalle.

Erste Möglichkeit: Man sollte prüfen, ob man nicht doch zur Abgabe einer Steuererklärung verpflichtet ist. Dann liegt der Schwarze Peter wieder beim Finanzamt. Durchforsten Sie, bevor Sie die verspätete Steuererklärung abgeben, noch einmal Ihre gesamten Einkünfte. Wer im fraglichen Jahr mehr als 800 Mark Nebeneinkünfte verbucht hat, muss eine Steuererklärung abgeben.

Beispiele:

>> Vielleicht wurde eine Garage an den Nachbarn vermietet, oder Sie haben, weil Sie in einer Fremdenverkehrsregion wohnen, Zimmer an Feriengäste vermietet.

>> Vielleicht haben Sie sich nebenberuflich selbstständig gemacht und erste Gewinne verbucht.

>> Standen Sie gleichzeitig (nicht nacheinander) bei mehreren Arbeitgebern in Lohn und Brot?

>> Auch nicht steuerpflichtige Einkünfte, die aber dem Progressions- vorbehalt unterliegen wie Arbeitslosen- oder Mutterschaftsgeld, führen zu einer Pflichtveranlagung.

>> Von Eltern, die Kinder-, Haushalts- oder Ausbildungsfreibeträge untereinander weitergegeben oder geteilt haben, verlangt das Finanzamt ebenso Steuererklärungen wie im Jahr der Scheidung, Verwitwung oder Wiederverheiratung.

>> Keine Ausschlussfrist müssen auch diejenigen fürchten, die im fraglichen Jahr Veräußerungsgewinne durch den Verkauf eines Betriebes oder beim Verkauf von Anteilen an einer Kapitalgesellschaft erzielten.

Das Finanzamt muss solche Pflicht-Erklärungen auch dann bearbeiten, wenn sie viel zu spät bei der Behörde eingehen.

Schon 200 Mark zusätzlicher Zinsertrag vom fast vergessenen Sparbuch können die Steuererstattung retten

Auch wer Kapitaleinkünfte verbuchte, die den Sparerfreibetrag von zur Zeit 3 000 Mark pro Jahr übersteigen, ist erst einmal außer Gefahr. Denn diese Einkünfte sind natürlich steuerpflichtig. So können schon 200 Mark zusätzlicher Zinsertrag von einem fast vergessenen Sparbuch die ganze Steuererstattung retten. Auch den, der sich ganz der Kapitalanlage verschreibt und keine Einkünfte aus nichtselbstständiger Arbeit hat, muss das Finanzamt steuerlich veranlagen. Zur Pflichtveranlagung kommt es dann, sobald die Einkünfte den Grundfreibetrag überschreiten.

Verpflichtet zur Abgabe der Steuererklärung sind alle, bei denen auf der Lohnsteuerkarte ein Freibetrag eingetragen war, denn hier will das Finanzamt natürlich prüfen, ob der vorab gewährte Freibetrag nicht zu hoch war.

Ehegatten, die beide arbeiten, müssen für alle Jahre, in denen ein Partner sein Einkommen mit Steuerklasse fünf oder sechs versteuert, eine Steuererklärung abgeben. Bei Paaren, bei denen beide Partner gleich viel verdienen und die deshalb beide Steuerklasse vier wählen, wird das Finanzamt dagegen nur auf Antrag aktiv.

Zweite Möglichkeit: Eigenbelege schreiben. Wenn kurz vor Ende der Antragsfrist noch Belege fehlen, sollte die Steuererklärung trotzdem vor Fristablauf abgegeben werden. Setzen Sie im Notfall geschätzte Werte ein und reichen Sie den Originalbeleg nach.

Wiedereinsetzung in den vorigen Stand

Dritte Möglichkeit: Wiedereinsetzung in den vorigen Stand beantragen. Wer außer der Überweisung vom Arbeitgeber rein gar nichts verbuchte, kann bei der Abgabe einer Steuererklärung nach der Zwei-Jahres-Frist nur noch "Wiedereinsetzung in den vorigen Stand" (siehe Kasten) beantragen und auf einen verständnisvollen Finanzbeamten hoffen.

Das wird allerdings eher unwahrscheinlicher. "Die Finanzämter versuchen immer mehr, zeitnah zu arbeiten", beobachtete Bilsdorfer. "Wenn Sie eine Mahnung bekommen, sollten Sie die ernst nehmen." Sein Rat für Steuerzahler: "Gar nicht erst auf die Mahnung warten, sondern so schnell wie möglich abgeben und zu viel gezahltes Geld vom Finanzamt zurückholen."

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