Chancen sollen diesmal besser stehen
Die Schweiz soll weg vom Katzentisch der Uno

1986 lehnten rund 75 Prozent der Schweizer einen Beitritt zur Uno ab. Nach 16 Jahren stimmen die Eidgenossen am Sonntag über das mit vielen Emotionen behaftete Thema erneut ab.

DÜSSELDORF. "Wir haben die Ehre, um die Aufnahme der Schweiz in die Organisation der Vereinten Nationen (Uno) zu ersuchen . . ". Den Brief hat ein optimistischer Schweizer Bundespräsident längst geschrieben. Darüber, ob Alfred Ogi ihn denn auch alsbald an Uno-Generalsekretär Kofi Annan schicken darf, entscheiden die Eidgenossen am Sonntag. Es ist die zweite Volksabstimmung zu diesem in der neutralen Schweiz mit vielen Emotionen behafteten Thema: 1986 lehnten noch rund 75 % einen Beitritt zur Weltorganisation ab.

Zwar könnte das Ergebnis knapp ausfallen, doch diesmal sollen, so hofft die Bundesregierung in Bern bis zuletzt, die Chancen besser stehen. Allen voran wirbt Außenminister Joseph Deiss seit Monaten mit Verve für ein positives Votum. Unterstützt wird er von allen Parteien mit Ausnahme der konservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), die einen Uno-Beitritt nach wie vor nicht minder vehement ablehnt. Auch die Wirtschaft, eine breit gefächerte, sehr agile Pro-Uno-Initiative und nicht zuletzt wichtige Zeitungen stärken Deiss den Rücken.

Die Argumente sind ebenso einleuchtend wie simpel: Seit 1986 habe sich die Welt verändert, nach dem Kollaps der UdSSR habe die Uno viele Reformen angepackt, die sie globaler, effizienter sowie - in der Schweiz besonders werbetauglich - wirtschaftsfreundlicher machen sollen. Und ganz aktuell: Die neue Bedrohung durch den Terror wird als weiteres Beispiel für die geänderte Ausgangslage genannt.

Demgegenüber befürchtet die SVP mit dem Milliardär Christoph Blocher an der Spitze als Folge eines Uno-Beitritts den Verlust eines der heiligsten Güter des Schweizervolks: die Neutralität. Und eine nicht minder lautstarke Anti-Bewegung schürt solche Ängste zusätzlich: "Wir würden in internationale Konflikte hineingezogen", heißt es. Oder: "Im New Yorker Uno-Glaspalast haben Diplomaten, Funktionäre und Politiker das Sagen - nicht das Volk". Und die Beitritts-Befürworter endgültig matt setzen soll wohl jene Parole: "Wir hätten jährlich mindestens 75 Mill. Franken an die Uno zu zahlen - zusätzlich zu den heutigen 470 Mill. an die Unterorganisationen".

Damit kommen die Populisten - wohl ungewollt - auf den Punkt: Die Schweiz gewährt der Uno nämlich traditionell Gastrecht. In Genf residieren wichtige Unterorganisationen mit meist humanitären Aufgaben: u.a. das Entwicklungsprogramm (UNDP), das Flüchtlingshilfswerk (UNHCR), das Kinderhilfswerk (Unicef) oder das Welternährungsprogramm (WFP) und der Weltbevölkerungsfonds (Unfpa). Rund um den Palast des 1920 gegründeten Völkerbundes, dem die Schweiz übrigens angehörte, finden jährlich rund 300 internationale Konferenzen statt, darunter so brisante wie jene zur globalen Abrüstung. Dabei geben sich dort etwa 25 000 Diplomaten die Klinken in die Hand. In Genf wird die Knochenarbeit der Uno geleistet, in New York große Politik zelebriert.

Es wundert daher nicht, das die Schweizer Uno-Fans auch dort künftig aktiv mitgestalten wollen und nicht nur, wie heute noch, als Folge einst selbst gewählter Isolation als Beobachter am Katzentisch Platz nehmen müssen. Dort sitzt aus dem Kreis der Völkergemeinschaft sonst nur noch der Vatikan.

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