Chancen und Risiken
China steckt im Aktienfieber

Chinas Börse boomt. Die Wachstumsaussichten sind glänzend. Wer einsteigen will, braucht allerdings viel Mut, denn die Aktien sind schon stark gestiegen. Außerdem gibt es politische Risiken.

China steckt im Aktienfieber. Das Land hat alles, von dem Anleger träumen: Die Wirtschaft boomt, die Unternehmensgewinne sprudeln, Kandidaten für Börsengänge stehen Schlange - und die Kurse steigen in den Himmel. Seit Jahresanfang rasen sie davon, und viele Analysten raten Anlegern zum Sprung auf den fahrenden Zug.

In Hongkong notierte H-Aktien stiegen seit Januar im Durchschnitt um 54 Prozent. Viele kleine Titel legten sogar zwischen 100 und 300 Prozent zu. Schanghais B-Aktien kletterten um 160 Prozent, die in Shenzhen um 200 Prozent. Das beschwört Erinnerungen an das "Red-Chip-Fieber" von 1997 herauf; damals vervierfachten sich die Kurse von China-Werten innerhalb von Monaten. Genauso schnell gingen die Gewinne dann in Dampf auf.

Kein brutaler Crash

Diesmal soll alles anders werden: "Was wollen Sie mehr?" fragt Lawrence Ang, "Fundamentaldaten, Wachstum, Stimmung am Markt - alles, was die Kurse treibt, ist da." Der Chef des China-Research bei der Deutschen Bank ist zuversichtlich, dass die Rally weiter geht - zumindest für ein paar Monate. Und selbst Analysten, die China in ihren Portfolios untergewichten, glauben nicht an einen brutalen Crash. China-Bullen rechtfertigen ihren Optimismus mit harten Zahlen: Mit einem Wirtschaftswachstum von 8,1 Prozent war das Land im ersten Quartal dieses Jahres Asiens Wachstumsstar. Trotz der weltweiten Konjunkturabkühlung erwarten Analysten für 2001 einen Zuwachs des Bruttoinlandprodukts von über sieben Prozent. Sie begründen das mit Pekings expansiver Fiskalpolitik, der anziehenden Inlandsnachfrage und massiven Auslandsinvestitionen im Vorfeld des Beitritts zur Welthandelsorganisation (WTO).

Der Wirtschaftsboom lässt die Bilanzen glänzen: H-Werte konnten im vergangenen Jahr ihre Gewinne im Durchschnitt um 81 Prozent steigern. In diesem Jahr wird der Gewinn pro Aktie bei ihnen um 24 Prozent zulegen, sagt Ang voraus. Zudem bestehen Chinas Exporte mehr aus Konsumgütern als aus Elektronik. Deshalb sind sie von der Flaute in den USA und Japan weniger betroffen. Im ersten Quartal legten sie um 15 Prozent zu. "China ist zum Abwarten des weltweiten Konjunkturabschwungs der sicherste Hafen in der Region", folgert Graham Ormerod, China-Chef bei ING Barings.

Liquidität strömt in den Markt

Außer Fundamentaldaten treibt Liquidität die Kurse. Festlandschinesen pumpen seit Wochen "heißes", illegal aus dem Land geschleustes Geld in ein Arbitrage-Spiel mit Hongkonger H-Aktien: Viele davon sind gleichzeitig in Schanghai als A-Aktien notiert, mit viel höherer Bewertung. Das durchschnittliche KGV von A-Werten beträgt satte 60. Aber auch institutionelle Anleger stocken auf: "Meine Kunden kaufen kräftig", berichtet Ang. Und das Institute for International Finance (IIF) schätzt, dass die Portfolio-Zuflüsse nach China dieses Jahr um 13 Prozent auf 43 Mrd. Dollar steigen. Fondsmanager sind optimistisch: Laut einer Reuters-Umfrage erwarten 34 Prozent von ihnen in China für die nächsten drei Monate die besten Ergebnisse.

Analysten raten Anlegern zum Einstieg bei H-Aktien und Red Chips in Branchen, die von der robusten Inlandsnachfrage abhängen. Im Transportsektor setzt Ang derzeit auf den Flughafen-Betreiber Beijing Capital Airport und auf China Southern Airlines. Bei den Versorgern, die vom steigenden Energieverbrauch profitieren, bevorzugt er Beijing Datang. Unter Konsumgütern gefallen ihm der Autobauer Denway, dessen Gemeinschaftsunternehmen mit Honda auf Volllast läuft, und der Lebensmittelkonzern Tingyi.

Tech-Marktführer mit KGV von 3,7

Ormerod setzt auf Aktien mit Wachstumspotenzial, niedrigem KGV und hohen Dividenden. Der kleine Wert TPV bietet für ihn alles in einem: Der drittgrößte Monitorproduzent der Welt - Marktführer in China - lockt mit einem KGV von 3,7 und einer Dividendenrendite von 6,7 Prozent. Auch den dividendenstarken Ölaktien Sinopec und Petrochina billigt er Kurspotenzial zu. Bei den Versorgern bevorzugt der ING-Analyst Huaneng Power wegen seiner niedrigen Bewertung. Auch Legend findet sich auf seiner Kaufliste. Für Credit Suisse First Boston ist Chinas größter PC-Hersteller sogar der Top-Pick, zusammen mit Tingyi. Legend werde vom Börsengang seiner Vertriebstochter Digital China profitieren, Tingyi vom steigenden Konsum, heißt es in einem Strategiepapier.

Heiß ist auch die Immobilienbranche: CSFB setzt hier auf China Overseas Land mit seinen Projekten in den Boomstädten Schanghai, Peking und Shenzhen, wo die Preise am stärksten anziehen. ING vertraut auf Beijing North Star und Charles Cheung von Salomon Smith Barney auf Beijing Land und China Resources. Allerdings warnt Cheung vor den Risiken eines Einstiegs zum jetzigen Zeitpunkt: Chinas gespannte Beziehungen zu den USA, die wahrscheinliche Verschiebung des WTO-Beitritts auf 2002 und Schwäche in den Exportmärkten USA und Japan hätten sich noch nicht voll in den Kursen niedergeschlagen. "Es ist fast Zeit, Gewinne mitzunehmen", meint er.

Für Gewinnmitnahmen zu früh

"Wir werden vorsichtiger", schreibt auch das CSFB-Team, das China derzeit untergewichtet. Für Gewinnmitnahmen sei es zwar noch zu früh. Aber falls der MSCI China-Index um mehr als 15 Prozent steigt, sollten Anleger einen Ausstieg ins Auge fassen. Selbst der China-Bulle Ang hält in diesem Monat eine Korrektur für möglich. Er sieht dies allerdings als Kaufgelegenheit. Aufpassen sollten Anleger aber ab Spätsommer. Dann bereitet sich die Führung auf den Machtwechsel im kommenden Jahr vor. Daraus resultieren Unsicherheit und Kursrisiken.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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