Chaos in letzter Taliban-Bastion
USA bombardieren Kandahar sturmreif

Mit massiven Luftangriffen haben US-Kampfflugzeuge am Mittwoch weiter die letzte große Taliban-Bastion Kandahar sturmreif geschossen. US-Bodentruppen intensivierten zugleich die Suche nach Taliban-Führer Mullah Mohammed Omar und dem mutmaßlichen Terroristenführer Osama bin Laden. Zwei Gebäudekomplexe, in denen sich die beiden aufgehalten haben könnten, wurden bombardiert. Nach Angaben des Pentagons wurden mehr als 40 Einrichtungen entdeckt, in denen bin Ladens Gefolgsleute an Massenvernichtungswaffen geforscht haben könnten.

KABUL. Flüchtlinge berichteten, der amerikanische Bombenhagel habe in Kandahar ein Chaos ausgelöst. Lagerhäuser und verwaiste Polizeiwachen seien geplündert worden. US-Kommandeur Tommy Franks, sagte, er habe Hinweise dafür, dass El-Kaida-Mitglieder versuchen wollten, Kandahar zu verlassen. Die Nachrichtenagentur South Asian Dispatch Agency meldete aus der belagerten Stadt unter Berufung auf einen stellvertretenden Taliban-Kommandeur, alle Soldaten und Funktionäre seien angewiesen worden, sich darauf einzustellen, jederzeit die Stadt zu verlassen.

Der zu Wochenbeginn errichtete Stützpunkt der US-Marineinfanterie im Süden Afghanistans wurde unterdessen kontinuierlich ausgebaut. US-Sonderkommandos intensivierten die Zusammenarbeit mit paschtunischen Stämmen, um den Angriff auf Kandahar vorzubereiten. Zu den Bombenangriffen auf mutmaßliche Verstecke Omars und bin Ladens sagte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, man wisse nicht, wer dabei getötet worden sei. "Es war ganz klar eine Führungszentrale", erklärte er. Der ehemalige Taliban-Botschafter in Pakistan, Abdul Salam Saif, sagte der afghanischen Nachrichtenagentur AIP, weder Omar noch andere Taliban-Führer seien in den Gebäudekomplexen gewesen.

Bislang fanden die USA nach eigenen Angaben mehr als 40 Einrichtungen in Afghanistan, in denen Gefolgsleute von Bin Ladens Organisation El Kaida den Bau von Massenvernichtungswaffen versucht haben könnten. Franks sagte, die Stätten befänden sich in der Hand von Anti-Taliban-Kräften. Es werde nun überprüft, ob dort an atomaren, biologischen und chemischen Waffensystemen geforscht worden sei. Eindeutige Beweise dafür seien bislang nicht gefunden worden.

Dostum besichtigt Leichenberge in eroberter Festung

Der nordafghanische Kriegsherr Raschid Dostum sagte bei einer Besichtigung der nach dreitägigem Aufstand ausländischer Taliban-Kriegsgefangener zurückeroberten Festung bei Masar-i-Scharif, möglicherweise lägen noch Selbstmordattentäter unter den Leichen. "Das sind suizide Leute, bei denen man mit allem rechnen muss", sagte er. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) forderte eine Untersuchung des Blutbads, bei dem nach jüngsten Angaben 450 Taliban-Söldner und bis zu 50 Kämpfer der Nordallianz getötet wurden. Fünf US-Soldaten wurden von einer eigenen Fliegerbombe verwundet, ein amerikanischer Geheimdienstagent wird offiziell vermisst. AI erklärte, die "Verhältnismäßigkeit der Reaktion" auf den Aufstand der Kriegsgefangenen müsse untersucht werden. Die Gefangenen hatten am Sonntag, einen Tag nach ihrer Kapitulation in Kundus, ihre Wächter entwaffnet und sich einen erbitterten Kampf mit den von amerikanischen und britischen Spezialkommandos unterstützten Belagerern der Nordallianz geliefert.

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