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Chaos in Newport

Der britische Außenminister Jack Straw muss sich warm anziehen. Das Brüsseler EU-Pressekorps ist stinksauer über die miserable Organisation des EU-Außenministertreffens, das heute in Newport (Wales) zu Ende ging.

Der britische Außenminister Jack Straw muss sich warm anziehen. Das Brüsseler EU-Pressekorps ist stinksauer über die miserable Organisation des EU-Außenministertreffens, das heute in Newport (Wales) zu Ende ging. "Das wird ein Nachspiel haben", sagte ein deutscher Journalist, nachdem er von einem britischen Polizisten rüde des Pressezentrums verwiesen worden war. Von Willkür und Gängelung ist die Rede.

Was war passiert? Besagter Journalist hatte sich lautstark, aber ohne Kraftausdrücke über die schleppende Abfertigung bei der Akkreditierung und bei der anschließenden Sicherheitskontrolle beschwert. Seine Bitte, einen zweiten Scanner für die Überprüfung des Gepäcks zu öffnen, beantwortete der Officer, indem er den Journalisten aus dem Raum drängte und Verstärkung herbeirief. Anschließend kam es zu einem Handgemenge, bei dem dem Journalisten nach eigenen Angaben der Arm verdreht wurde.

Die Sicherheitskräfte ließen sich auch durch deutsche und britische Diplomaten nicht zur Räson bringen. Der malträtierte Reporter musste draußen bleiben und verpasste seinen Einsatz. Der "ring of steel", den die Polizei mit Panzersperren und 1500 Einsatzkräften um das Pressezentrum gezogen hatte, war offenbar wichtiger als die Arbeit der Medien. Sogar der Zugang wurde immer wieder geändert - am Ende blickten nicht einmal mehr Taxifahrer und Shuttle-Busmanager durch.

Auch sonst war das Treffen für viele Journalisten ein einziges Desaster. Am Flughafen in Bristol gab es weder Buszubringer noch frei zugängliche Taxis - im angeblich so liberalen UK musste man wie einst in der DDR ein konzessioniertes Taxi bestellen und sich in lange Warteschlangen einreihen. Endlich im Pressezentrum angekommen, ging das Chaos weiter. Stundenlang fiel der komplette - natürlich wieder von einem privaten Monopolanbieter gestellte - Internetzugang aus. Am ersten Tag konnten die meisten Printjournalisten keine einzige Zeile über das "World wide web" an ihre Redaktionen senden.

Abends brachen dann auch noch die Stromgeneratoren für die TV-Übertragungswagen zusammen. Folge: Sendepause auf vielen Kanälen. Angesichts der Pannenserie verloren selbst sonst stoische britische Journalisten die Contenance. "Ich weiß nicht, wie ich hier arbeiten soll - wäre ich doch besser in Brüssel geblieben", klagte ein Reporter des "Daily Telegraph".

Als dann auch noch der Shuttle-Service versagte, der die Teilnehmer aus der Festung im "Celtic Manor" zurück in die Freiheit befördern sollte, stand das Urteil vieler Journalisten fest: "Dies ist das schlechteste EU-Treffen, das ich in meiner ganzen Karriere erlebt habe", klagte ein langgedienter Kollege. Ein britischer Reporter fügte hinzu: "Ich muss mich für meine Landsleute entschuldigen - ich hätte nie gedacht, dass wir so schlecht organisiert sind."

Thema des Tages waren übrigens die Türkei-Verhandlungen. Straw setzte sich über Bedenken und Einwände der Außenminister aus Österreich, Frankreich, Griechenland, Zypern und anderen Ländern hinweg und strahlte: Er sei "reasonable optimistic", dass die Türkei-Gespräche wie geplant am 3. Oktober beginnen könnten. Mag sein, dass Straw recht behält - doch das Management des britischen EU-Ratsvorsitzenden in Newport hinterlässt bei vielen Teilnehmern einen bitteren Nachgeschmack.


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