Chaos um die Lkw-Maut
Ein Tollhaus voller Narren

Normalerweise geht Manfred Stolpe sonntags um 11 nur zu einem Termin: zum Gottesdienst. Doch an diesem Sonntag, dem 5. Oktober 2003, wartet im Konferenzsaal des Bundesverkehrsministeriums wenig Erbauliches auf den Minister: Es ist der Krisengipfel, zur LKW-Maut natürlich. Die Stimmung ist frostig in der Beletage der ehemaligen Preußischen Bergakademie. "Offen und ernst" seien die Verhandlungen gewesen, wird das Ministerium später verlautbaren.

Tatsächlich sitzen sich die Leute, die noch vor wenigen Wochen ein Herz und eine Seele waren, im klassizistischen Prachtbau an der Invalidenstraße nun wie zwei feindliche Lager gegenüber: hie Regierung, da Toll Collect. Der Minister hat mit seinem Staatssekretär Ralf Nagel und einem Abteilungsleiter an der Fensterfront Platz genommen. Dazwischen der Konferenztisch aus Buchenholz, dann die Manager. Schnell kommt Stolpe zur Sache: Wie sieht der Zeitplan von Toll Collect für die Behebung der Mautprobleme aus? Ist das Konsortium um Daimler, die Telekom und den französischen Autobahnbetreiber Cofiroute bereit, die Verträge neu zu verhandeln? Kurz vor dem Treffen hat das Bundesamt für Güterverkehr gemeinsam mit Toll Collect eine Mängelliste erstellt. Sie dokumentiert 86 Fehler, die bis zum Start der Maut behoben sein müssen.

Stolpe gegenüber haben die wichtigsten Männer von Toll Collect Platz genommen: Klaus Mangold, Daimler-Vorstand und Chef von Daimler-Chrysler Services, sodann Telekom-Vorstand Josef Brauner. Aus Paris ist auch Dario D?Annunzio gekommen, der Vorstandschef des französischen Partners Cofiroute. Er hat zwar nicht viel zu sagen, dafür aber selbst reichlich Ärger. Denn nicht nur der Ruf steht auf dem Spiel, es geht bei Toll Collect auch um die Schuld und damit um ganz viel Geld.

Es heißt, dass am Sonntag vor allem Klaus Mangold böse ist. Jahrelang hat er Toll Collect über den grünen Klee gelobt, jetzt sollen die Unternehmen einräumen, dass das Konsortium für die erneute Verschiebung des Starttermins verantwortlich ist. Erregt weist der Debis-Chef den Vorwurf zurück, die Industrie habe die Verletzung des Vertrags zu verantworten. Doch Stolpe stellt klar, dass er Toll Collect für die Einnahmeausfälle aus dem verzögerten Start der Maut, bis Jahresende immerhin gut 600 Millionen Euro, haftbar machen will.

Stolpe tritt selbstbewusst auf. Nach Informationen des Handelsblatts erlaubt der Betreibervertrag eine Kündigung durch die Bundesregierung zum 15. Dezember. Eine so genannte Call-Option gestattet es in diesem Fall dem Bund, über das Mautsystem zu verfügen. Zu welchem Preis, ist dann Verhandlungssache. Allerdings schreibt der Vertrag fest, dass Toll Collect das System nicht anderweitig im In- und Ausland vermarkten darf.

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