Chatamis USA-Reise
„Dialog der Zivilisationen ist nicht mehr als ein PR-Trick“

Der Besuch des iranischen Ex-Präsidenten weckt Misstrauen bei den Amerikanern. Denn was Chatami, der mit der stillschweigenden Billigung seines Nachfolgers Mahmud Ahmadinedschad unterwegs ist, wirklich in den USA umtreibt ist nicht ganz klar.

WASHINGTON. Wolf im Schafspelz" ist noch eine der freundlicheren Bezeichnungen, die dem ehemaligen iranischen Präsidenten Mohammad Chatami derzeit auf seiner mehrtägigen Reise durch die USA entgegenschlagen. Gesagt hat dies der Gouverneur von Massachusetts, Mitt Romney. Und verweigern will er deshalb Chatami auch die ansonsten üblichen Ehren, die einem ehemaligen Staatschef in den USA zukommen. So wird Chatami etwa auf eine Polizeieskorte verzichten müssen, wenn er am Sonntag an der Universität in Harvard über die "Ethik der Toleranz in Zeiten der Gewalt" spricht - am Vorabend des fünften Jahrestages der Anschläge von New York und Washington.

Heikler könnte die Reisezeit nicht gewählt sein. Schließlich berät die internationale Staatengemeinschaft wegen Fortführung ihres Nuklearprogramms über mögliche Sanktionen gegen Teheran. Kurz nach Chatamis Ankunft in den USA hatte Präsident George W. Bush dabei die aktuelle Tonlage im Konflikt vorgegeben: Der Iran sei ein "Regime der Tyrannei."

Was Chatami, der mit der stillschweigenden Billigung seines Nachfolgers Mahmud Ahmadinedschad unterwegs ist, deshalb wirklich in den USA umtreibt ist nicht ganz klar. Bekannt ist, dass er noch immer an einer Aussöhnung über die Geiselkrise interessiert ist. So wollte er sich ursprünglich auch mit Jimmy Carter treffen; dieser war US-Präsident als das Schah-Regime von der Revolution weggefegt wurde. Das Treffen wurde jedoch abgesagt - offiziell wegen Terminschwierigkeiten.

Immerhin hatte Chatami in einem CNN-Interview 1998 als bislang einziger iranischer Offizieller bedauert, dass durch die Botschaftsbesetzung die Gefühle der Amerikaner verletzt worden seien. Den damaligen Geiseln, die 444 Tage gefangen gehalten wurden, reicht das nicht. Sie verlangen eine umfassende Entschuldigung. "Sein Dialog der Zivilisationen ist nicht mehr als ein PR-Trick des unterdrückerischen iranischen Regimes", sagt Barry M. Rosen, einst Presseattaché in der US-Botschaft in Teheran und eine der 66 Geiseln.

Bei all dem Trubel besteht die Gefahr, dass keiner mehr richtig hinhört, was Chatami eigentlich zu sagen hat-etwa, wenn er warnt, dass der Irak-Krieg den Terrorismus nur noch befördert statt eindämmt. Oder wenn er sagt, dass Iran die Existenz Israels anerkennt und eine Zwei-Staaten-Lösung mit Palästina unterstützt. Zwar steht das in Widerspruch zu den Äußerungen von Ahmadinedschad. Doch Chatami gilt auch ein Jahr nach seinem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt noch immer als einflussreicher Politiker.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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